Kaum zu fassen, aber manche Menschen können fast alles. Dan Snaith möchte man in diese Ecke stellen. Als musikalisches Universalgenie gelingt ihm in bisher jedem Genre, das ihn interessiert, Pflicht wie Kür. Mit seiner Bandformation Caribou baute der Kanadier, der schon als Manitoba aufsehenerregende Elektronik veröffentlichte, welche die Kritiker „Folktronica“ nannten, eine Brücke zwischen Indiebühne und Club. Spätestens seit Swim, das das Zeug zum Album-Klassiker hat, ist Snaith zu bestätigen, die Lücke, die das LCD Soundsystem hinterließ, füllen zu können. Als sei es damit noch nicht genug, rief er mit Daphni ein Pseudonym für seine ganz eigenen und schnellen Erzeugnisse aus, die das Resultat einer frisch erblühten Liebe zur Clubmusik sind. Was mit dem Moogmonster „Ye Ye“ für das Label Text Records seines Weggefährten Four Tet anfing und als todsicherer Hit seinen Weg in die Taschen, Laptops und neuerdings USB-Sticks der unterschiedlichsten DJs fand, ging mit Afro- oder Soul-Edits auf der Daphni-Plattform Jiaolong weiter. Daphni eroberte die Herzen im Sturm.

Benannt nach eben jenem Label, setzt sich das nun auf Albumlänge fort. Neben bereits veröffentlichten Stücken wie „Ahora“, das direkt an James Holden, den anderen Bruder im Geiste, adressiert ist, die Synthesizer-Anarchie „Jiao“ oder „Yes, I Know“, das in eigentümlicher Kombination zeigt, dass eine 303 durchaus Soul haben kann, sind es vor allem Neuigkeiten wie „Long“, die restlos begeistern. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, in welches Genre oder Subgenre die Tracks fallen. Einem wachen Geist und gesunder Neugierde in einem gut sortierten Plattenladen gleich, bedient er sich einfach überall gleichzeitig und ohne Falten auszubügeln oder Brüche zu schienen. Damit befindet er sich im Triumvirat mit Four Tet und James Holden, denen allen an der Auflösung von Grenzen gelegen ist. Und obwohl Dan Snaith eigentlich ein Sonderling und als solcher narrenfrei ist, hält er sich dennoch an die Metrik und Dynamiken von Tanzmusik – lediglich die Zwischenräume stopft er anders aus. Als Daphni erreicht er damit mühelos die Gründung eines Universums, das marktgerechten Tech-House-Produzenten im Traum nicht einfallen würde, aber das genau dort ansetzt, wo die Techno-Entertainment-Industrie ihre Schwachstellen hat: in der Unberechenbarkeit, der Unkonventionalität und in den Überraschungsmomenten, die diese Musik – wie auch immer man sie klassifizieren möchte – mal so aufregend gemacht hat. Mit Daphni und Jiaolong ist es – und zwar ohne Rückspiegel – fast wie am ersten Tag.

 

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Stream: DaphniJiaolong

  • Merowinger

    Ein großartiges Stück Musik. Ich hoffe nach wie vor auf ein Daphni-Album.