Text: Jan Rödger
Erstmals erschienen in Groove 138 (September/Oktober 2012)

Wann hat man eigentlich zuletzt ein Album komplett durchgehört, dazu im Booklet geblättert und sich vollkommen auf die Musik konzentriert? Aus dieser Frage heraus ist in London im Oktober 2010 die monatliche Veranstaltung Classic Album Sundays entstanden, mitinitiiert von Colleen „Cosmo“ Murphy, Meisterschülerin von David Mancuso und Loft-Resident. Neben der verlorenen Kunst des Albumhörens diente Murphy auch ihre Liebe zur High Fidelity als Stein des Anstoßes: „Als wir unsere Plattensammlung zum ersten mal über meine Klipschhorn-Lautsprecher und Nottingham-Analogue-Plattenspieler angehört haben, waren wir von der Hörerfahrung absolut überwältigt. Von da an luden wir sonntags meist Freunde zum Lunch ein, als Nachtisch suchten sie sich ein Album zum Hören aus.“

Aus diesem kleinen Freundeskreis entwickelten sich kurzerhand die „Classic Album Sundays“, man wechselte in einen öffentlichen Raum und erweiterte den Hörerkreis. Das Konzept aber blieb gleich: Ein historisch bedeutsames Album wie Brian Enos Another Green World oder Kraftwerks Autobahn am Stück auf einem audiophilen System anhören, dabei nicht reden und alle Telefone vorher ausstellen. Zuvor legt Murphy noch Musik auf, die zu dem jeweiligen Album inspirierte oder von ihm beeinflusst wurde. Seit kurzem gibt es die „Classic Album Sundays“ auch regelmäßig in New York, und in Berlin hat sich Anfang 2012 die Reihe The Longplayer etabliert. Auch dort widmet man sich der Kultur des Zuhörens und lädt zudem meist noch den Künstler selbst zum Hörtreffen ein – zuletzt etwa Krautrocklegende Günter Schickert. Vielleicht sind Veranstaltungen wie „Classic Album Sundays“ und „The Longplayer“ ja die Buchclubs des 21. Jahrhunderts? Denn seitdem man einzelne Tracks per Download aus einem Album auskoppeln kann, haben sich die Hörgewohnheiten radikal verändert. Dagegen kann man nicht ankämpfen. Aber zeigen, was nicht vergessen werden darf: Respekt vor den Künstlern und ihrer Musik.