Text: Florian Sievers, Einleitung: Daniel Fersch
Fotos: Gerard Henninger
Erstmals erschienen in Groove 121 (November/Dezember 2009)

Ranglisten sind seit Jahrzehnten das Alleinstellungsmerkmal des amerikanischen Wirtschaftsmagazins Forbes. Es gibt Listen mit den reichsten Menschen der Welt, den 100 einflußreichsten Frauen, den wertvollsten Fußballvereinen und seit gestern auch einen Chart der am besten verdienenden DJs. Die „Electronic Cash Kings“ getaufte Aufzählung sei relevant, so das Magazin, weil das Genre der Electronic Dance Music (EDM), „endlich von seinen Untergrundwurzeln in das Bewusstsein des (US-amerikanischen, d. Red.) Mainstreams aufgestiegen“ sei. Die zehn erfolgreichsten DJs hätten schließlich in den vergangenen zwölf Monaten insgesamt 125 Millionen Dollar eingenommen, und damit mehr als das gesamte Basketball-Starensemble der Los Angeles Lakers. Überraschungen bietet die Liste wenige, außer dass nicht der Brostep-Senkrechtstarter Skrillex oder die Knöpfchendrücker der Swedish House Mafia den Spitzenplatz belegen, sondern der vergleichsweise alte Hase Tiësto. Der Trance-DJ nimmt nach Forbes-Angaben pro Auftritt im Schnitt 250.000 Dollar ein. Um das Tiësto-Phänomen zu ergründen, zog der frühere Groove-Redakteur Florian Sievers bereits vor drei Jahren los und wagte sich in einen der Großraumauftritte des Niederländers.

 

19. September 2009, TT Hallen, Assen, Niederlande

Hier eine Abzweigung, da eine Verzweigung, danach noch eine Verästelung, so geht es in die äußeren Kapillaren der niederländischen Provinz. Die Züge werden kleiner, die Bahnhöfe putziger, die Ortsnamen possierlicher. Und am Ende der Reise, es ist mittlerweile Nacht geworden, steht man auf einer Wiese fassungslos vor einem gigantischen Hallenquader: fahl angeleuchtet, umweht von Nebelschwaden, davor eine endlose Reihe Rücklichter im Stau. Aus dem schwarz-weiß karierten Hangar, in dem sonst Motorsport-Veranstaltungen stattfinden, wummern Bassdrums. Hier draußen klingt die Musik fast wie ganz normaler, anständiger Techno. Ist sie aber nicht. An der Fassade brüllt großflächig ein Plakat in die Nacht: „Evolution – Let There Be Light“. Der Presseeingang? „Auf der anderen Seite“, sagen die Security-Leute auf der einen Seite, „nein, auf der einen Seite“, sagen die auf der anderen. Nebelnasses Gras, kläffende Hunde, Absperrzäune. Und ringsum: Menschen, Menschen, Menschen, die auch alle da reinwollen. Innen tut sich der Raum auf, ein Bienenstock: Gewusel, Gekrabbel, mehr als 10.000 menschliche Körper, ein Ozean von Köpfen. Sie tragen blinkende Hüte, blinkende Sonnenbrillen, sogar blinkende Lollis. Dazu Überwältigungsinszenierung: Laser, Strobos und Nebelwerfer greifen sich die Orientierung, ein Feuerwerk erblüht zum Deckenhimmel, und auf riesigen Bildschirmen ist immer wieder kurz sein Gesicht zu sehen, überlebensgross. Unter den Bildschirmen, mitten im Kopfozean, rotiert eine runde Bühne, auf deren Rändern drei Meter große Tänzerinnen mit Rokoko-Kleidern und Leuchtgirlanden-Perücken stelzenstaksen, während sie mit Laserpointern Zeichen in die Menge schießen. Es ist eine Zeitreise zurück in die frühen Neunziger, ein irres Brimborium. Im Auge des Spektakels schließlich steht er, ein leibhaftiger kleiner Mensch, und sieht verloren aus. Er, das ist: Tiësto, der erfolgreichste Clubmusik-DJ der Welt.

Was heißt schon „der Erfolgreichste“? In diesem Fall alles. Dieser DJ war der erste DJ, der solo ein 25.000-Besucher-Stadion ausverkauft hat – zwei Nächte hintereinander. Dieser DJ hat 2007 am Strand von Ipanema vor 250.000 Menschen aufgelegt, eins der größten Konzerte in der Geschichte der Menschheit. Und dieser DJ hat bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen den Einzug der Athleten mit einem Mix begleitet, den weltweit wohl mehrere Millionen Menschen gehört haben. Die Briten vom Remmidemmi-Rave-Magazin Mixmag immerhin finden das so beeindruckend, dass sie Tiësto im vergangenen Jahr zum „No. 1 DJ in the World“ gekürt haben. Davor hagelte es mehrere Jahre lang denselben Titel von den ähnlich gelagerten Kollegen vom DJ Mag. Königin Beatrix der Niederlande hat ihn sogar in den Ritterstand erhoben. Junge Mädchen in engen Oberteilen schreiben auf Plakate: „Endlich 18, endlich bei Dir, Tiësto“. Für viele in dieser Halle verkörpert sich Gott heute Nacht tatsächlich in dem DJ da oben auf der Bühne. Aber auch wenn man sich sonst nicht so oft in Motorsport-Hangars zwischen Leuten mit blinkenden Lollis rumtreibt, sollte man sich Tiësto mal kurz angucken: Er prägt ziemlich sicher bei mehr Menschen das Bild davon, was elektronische Clubmusik ist, als irgendwer sonst auf diesem Planeten. Am Nachmittag sitzt dieser Ultrasupermega-Star noch hinter einer verschrumpelten Geranie auf der Terrasse eines Provinzhotels, davor ein Verkehrskreisel, im Hintergrund Hahnenkrähen. Keine Hofschranzen, keine Entourage, die Wochenend-Ausflügler vom Nebentisch, überhaupt jedermann hier nennt ihn kumpelig „Tijs“. So heißt er ja schließlich: Tijs Verwest, 1969 geboren und aufgewachsen in Breda, Südniederlande. Ein leicht gebräunter Fußballertyp, angenehm sportlicher Körper, dynamisch kurze Haare, Lachfalten um die Augen und ein Jungsgrinsen, als hätte er gerade Apfelkuchen vom Fensterbrett geklaut. Er sieht jünger aus als er ist, und er freut sich ehrlich, wenn man ihm das sagt. Tiësto kommt gerade aus Tschechien, ist auf dem Sprung nach Ibiza, später in der Woche noch Malaysia oder Manila, so genau weiß er das gerade nicht. Muss er mal seinen Manager fragen. Wie er das schafft? „Na ja, ich habe einen Privatjet“, sagt Tiësto, und es ist eine Kunst, diesen Satz ohne jede Spur von Angeberei zu sagen. Der gecharterte Business-Jet vom Typ Citation XLS ist halt ein Betriebsmittel. Simple Kalkulation: kürzere Reisezeiten, mehr Bookings, lohnt sich unterm Strich.

 

 

So wie bei der Sache mit dem Jet erscheint Tiësto, wenn man mit ihm redet: bescheiden, bodenständig, unkompliziert. Ein Mann mit Energie, aber ohne weitere Eigenschaften als der, erfolgreich und beliebt zu sein. Er sagt Sätze wie „Ich liebe Mode, ich liebe Models – DJs und Models, das ist die beste Kombination“, und man findet ihn trotzdem irgendwie sympathisch. Der Star als Zauberspiegel, der immer das zeigt, was man gern sehen möchte: Sexsymbol, Sunnyboy, Fußballkumpel, Schwiegersohn. Einer von uns! Das könnte auch der Grund sein, warum Tiësto noch erfolgreicher ist als sein Megastar-DJ-Kollege Paul van Dyk: weil er sich im Gegensatz zu dem Berliner nicht zu schade ist für sein Publikum. Ja: Dieser Mann, den jede zweite Nacht irgendwo auf der Welt mehrere Tausend Menschen anbeten, kann sich sogar ganz gut selbst auf die Schippe nehmen. „Ich spiele heute Abend auch mal einen Minimaltechno-Track, damit du nicht alles schrecklich findest“, sagt er zum Abschied und zwinkert.

So schlonzt und schlendert Tiësto dann später in der Nacht auf seine rotierende Bühne – und trägt dabei dasselbe lachsfarbene Gucci-T-Shirt wie am Nachmittag auf der Hotelterrasse. Muss man auch erst mal schaffen: sich nicht extra umzuziehen, wenn man am Abend vor 10.000 Menschen auf eine Bühne tritt. Tiësto gibt gleich Vollgas mit seiner Musik. Ach ja, die Musik. Das ist Trancetechno, und, klar, das ist schrecklich einfältig. Der kleinste gemeinsame Geschmacksnenner für 10.000 ravende Holländer, unsubtil genug, um auch Steinzeitmenschen mit ausreichend Signalen zu versorgen, wann und wie sie abzugehen haben. Andererseits: Tiësto ist ein DJ mit zumindest einem offenen Ohr – und damit König unter all den Trance-DJs, denen die ewig gleiche Schwebepart-Trommelwirbel-Soße mit springenden Delfinen schon beide Gehörgänge verklebt hat. Er spielt auch mal Dizzee Rascals „Bonkers“ oder tatsächlich Ricardo Villalobos’ Reboots * „Caminando“. Er hat The Killers und die Yeah Yeah Yeahs geremixt, auf einem neuen Label will er künftig auch Indiedance-Bands veröffentlichen, und auf seinem neuen Album Kaleidoscope singen unglaublicherweise auch Jónsi Birgisson von Sigur Rós und Kele Okereke von Bloc Party.

Tiësto hat auch schon mal bei Paul Kalkbrenner um einen Remix angefragt, leider aber nie eine Antwort bekommen. „Die haben bestimmt gesagt: ‚Iiih, das ist Tiësto, schrecklich’“, sagt er grinsend. Dabei ist die Musik auf seinem neuen Album, wenn man sie mal mit kühlem Kopf anhört, gar nicht so weit weg von der von Paul Kalkbrenner oder Moderat. Nur sind seine chromglänzend produzierten Tracks immer ein bisschen zu voll von kitschigem Gesang und hochstaplerischen Arpeggios, vorhersehbaren Breaks und unnötigen Melodiebögen. Aber diese Fülle und Völle braucht er wohl im Rücken, wenn er da so surreal klein wie ein Hologramm in riesigen Hallen steht, um ungeheuerliche, Zehntausende Menschen umfassende Resonanzkörper zum Schwingen zu bringen. So rotiert er dann auf seiner runden Bühne, rings um sich Feuerwerk, Laserstrahlen, Tänzerinnen, und die Gesichter da unten im Publikum verwischen vermutlich in Zeitlupe zu Schlieren.

 

* Korrektur: Der fälschlicherweise Ricardo Villalobos zugerechnete Track „Caminando“ stammt von Reboot und ist auf der B-Seite der Villalobos-Single „Baile“ erschienen.