Während in Bristol die jüngste Bassmusik-Generation im Umfeld des Labels und Plattenladens Idle Hands gerade eifrig an der Neuinterpretation von House und Techno bastelt, droht beinah schon wieder in Vergessenheit zu geraten, dass die Hafenstadt im Westen Englands vor wenigen Jahren eine der prägnantesten Dubstep-Teilströmungen hervorbrachte. Im Schatten der örtlichen Szenegrößen Pinch, Peverelist und Appleblim entwickelte das Produzenten-Trio Joker, Gemmy und Guido den „Purple Wow“-Stil, bei dem nicht nur der Name an Prince erinnerte, sondern auch die alles überstrahlenden Synthesizer-Melodien und der dreckige Funk der Rhythmusspuren. Einen Überblick über das Frühwerk des violetten Triumvirats bietet nun der Sampler Purple Legacy – A History of Purple Wow (World of Wonders/Multiverse), der neben den wichtigsten Stücken des Trios auch Beiträge von Brüdern im Geiste wie Rustie oder dem schwedischen Duo L-Wiz enthält.


Stream: DiversePurple Legacy (Preview)

 

Die meisten Tracks der Compilation sind zwei oder mehr Jahre alt – in der Zwischenzeit haben die Karrieren der drei Produzenten unterschiedliche Richtungen eingeschlagen. Liam McLean alias Joker wurde von 4AD unter Vertrag genommen und sollte im Windschatten von Zomby als nächster Postdubstep-Star aufgebaut werden. Mit dem gescheiterten Versuch, den Purple-Stil auf seinem Debütalbum The Vision vom vergangenen Jahr durch R&B-Gesang und Trance-Infusionen zum Breitwand-Pop-Format aufzublasen, konnte er diese Hoffnungen bisher jedoch nicht erfüllen. Gemmel Phillips alias Gemmy ist dagegen der ursprünglichen violetten Formel treu geblieben. Auf seinem eigenen Label World Of Wonders bringt er weiterhin Grime-beeinflusste Clubtracks mit glitzernden Arpeggios und Synthesizer-Flächen heraus – zuletzt erschien die „Tales Of The Deep EP“.


Stream: GemmyTales Of The Deep EP (Preview)

 

Die erstaunlichste Entwicklung hat aber Guy Middleton alias Guido genommen. Middletons Purple-Entwurf lag immer etwas neben der Spur: Auf seinem wunderbaren Album Anidea (Punch Drunk) von 2010 arrangierte er eigenwillige Cyber-Orchesterklänge und erkor den digitalen Klang seiner Plugin-Instrumente selbstbewusst zum wichtigsten Stilmittel. Inzwischen bringt Middleton seine Stücke ebenfalls auf einem eigenen Label heraus und er hat seine Produktionstechnik verfeinert. Auf seiner neuesten Maxi „Flow / Africa“ (State Of Joy) klingen die Streicher-Parts fein ziseliert und wie mit echten Instrumenten eingespielt. Während das instrumentale „Africa“ auf der B-Seite mit subtilen Rhythmus-Verschiebungen beeindruckt, gelingt ihm mit „Flow“ zusammen mit dem Rapper und Sänger Jay Wilcox, woran sein Kollege Joker auf seinem Album scheiterte: ein toller Popsong ohne Anbiederung an Mainstream-Konventionen.


Stream: GuidoFlow / Africa (Preview)

 

In London fahren währenddessen Bok Bok und L-Vis 1990 mit ihrem Label Night Slugs nach einem etwas ruhigeren Jahr 2011 wieder zu großer Form auf. So liefert Jack Latham alias Jam City mit Classical Curves ein Debütalbum ab, das in vielen Jahresbestenlisten ganz weit oben zu finden sein wird – und zwar nicht nur bei Bassmusik-DJs. So zielgenau wie Latham hat bisher wohl noch kein Produzent die transatlantische Bassmusik-Vision der Labelgründer auf den Punkt gebracht. Auf Classical Curves lässt er den analogen Jack-House-Funk Chicagos mit den Rhythmus-Skeletten von Grime sowie retrofuturistischen Synthesizer-Klängen kollidieren, und verschmilzt all diese Einflüsse zu einem bisher so nicht gehörten Amalgam. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die ebenfalls bei Night Slugs erschienene „Club Rez EP“ von Girl Unit, auch wenn dessen Trance-Grime-Electro-Wahnsinn nicht ganz mit der Brillanz des Jam City-Albums mithalten kann.


Video: Jam CityThe Courts

 

Weiterhin die Nase ganz weit vorne hat auch Loefah mit seinem Label Swamp 81. Mit Trusta und dessen Maxi „Hypnotic / Feel So“ feierte darauf ein neuer Name seine Premiere, hinter dem sich ein alter Bekannter versteckt. Denn der finnische Produzent Jani Niiranen zählt als Tes La Rok zu den bekannteren Vertretern des internationalen Dubstep-Zirkus. Unter seinem neuen Alias Trusta liefert er auf der A-Seite einen konzentrierten Electro-Bass-Track im bekannten Swamp 81-Stil ab. Das eigentliche Highlight versteckt sich auf der B-Seite: Mit seinem tropischen Capoeira-Schwung und den opulenten Breakbeats darf „Feel So“ gerne zum Bassmusik-Soundtrack dieses Sommers werden.


Video: TrustaFeel So