Björk, Kate Bush, Joni Mitchell. Wer Vergleiche für Laurel Halo sucht, kleckert nicht, sondern klotzt. Und die Euphorie ist berechtigt. Mit ihrem Debütalbum hat sie sich endgültig ans Firmament der Amazonen geschossen, die seit kurzem die Sphäre der erweiterten Electronica aufmischen. Nach Art einer Nina Kraviz lässt sie als funkensprühende Ein-Frau-Show Kinnladen aller Kontinente herunterklappen. In Kraviz‘ Fall ist Sibirien nur ideell ein Vorort von Chicago, Halo hingegen kommt wirklich aus dem Stadtrand Detroits, und das hört man. Dennoch ist der Kurs ihrer Umlaufbahn weniger eindeutig, ein Blick auf ihr junges Werk ist wie ein Blick in ein Kaleidoskop. Schwerelos oszilliert sie zwischen Techno, UK Bass, Ambient, Pop und Folk, ohne dabei je beliebig zu klingen.

Auf Quarantine bündelt sie ihre Multiversen, um ein vielschichtiges, aber stimmiges Bild zu liefern. Vielerorts hört das Album sich wie eine von Aphex Twin durch den elektronischen Fleischwolf gedrehte Erinnerung an Pop an. Des Halls und damit der schützenden Distanz fast völlig entledigt, reibt Halos Stimme sich am vorbeiziehenden Strom ungezähmter Klänge wund. Die herzzerreißende Schönheit der Melodien wird im leiernden Strudel der ständigen Be- und Entschleunigungen tragisch. Das ständige Piepsen und Rauschen, die Verzerrung sprechen von defekten Verbindungen, vom uneingelösten Versprechen von Nähe der modernen Telekommunikationsmittel. Es ist, als sitze sie in einer engen Kammer ohne Zugang zur unvorstellbaren Größe des virtuellen Raums.

In einer gewissen Neunziger-Affinität steht sie Künstlern wie Grimes oder D’Eon nahe, wagt aber mehr Experiment, insbesondere im Hinblick auf die Struktur ihrer Musik. „Lied“ und „Track“ sind Pole, deren Spannungsfeld sie in ständiger Bewegung erkundet. Während die allgegenwärtigen Electro/Pop-Hybride häufig entweder auf stereotypen Chillwave herauslaufen oder das Songgerüst den kürzeren zieht um von Kick/Clap ersetzt zu werden, treten Stimme und Melodie hier oft in Einheiten auf, die keiner linearen Logik unterliegen, sondern das Gewirr der multiplen synthetischen Klangschichten stark und unerwartet gliedern. Die schwindelerregende Fahrt führt oft an die Grenzen der Komfortzone, aber wer ins Schwanken gerät, den fängt Halo mit einem Refrain, mit ein paar verlässlichen Akkorden gerne wieder auf. „Thaw“ bietet erst mal eine Minute lang Rückkopplung, Flächen und mysteriös sirrende Samples, bevor eine Badalamenti-würdige Synthesizer-Melodie einsetzt, die die Stimme über die Störgeräusche erhebt. Laurel Halo schafft es, wie Björk auf eigene Weise verstörend und schön zugleich zu sein. Quarantine ist eine mutige Abkehr vom Binären zugunsten des Komplexen, Widersprüchlichen, und gelangt dabei doch ohne Umweg übers Hirn ins Herz. Atemberaubend.