Darf ich vorstellen, die neue Heilsarmee: Die Telescope Thieves aus Miami gebären auf ihrer Mini-LP Bloom (Avant Roots) einen Lo-Fi-Ambient-Pop-Jazz-Folk-Zwitter mit bekennenden Referenzen zu Air, Portishead oder Martyn. Wohltuend von der Sonne ihrer Heimat durchtränkt, mal einer folkigen Klampfe folgend, schlurft ihr Ambient mit dem reibenden Sand von Miami Beach im Getriebe. Das ein oder andere so geschliffene Stück erinnert an Kult-Maxis von Reflective. Daran reibungslos anknüpfen kann ein Projekt des Dänen Jens B. Christiansen mit dem Kalifornier Red Baron namens Rumpistol / Red Baron. Deren Kling-Klong-Dubstep-Sounds auf ihrem Album Floating (Project: Mooncircle) ordnen sich trotz viel Gegurgel und Gezirpe einer Songstruktur unter und verorten hermaphroditen Soul, der eher aus der Niere als aus dem Herzen zu kommen scheint: gallertartiger Neo-Post-Dubstep mit wenig Dub, dafür aber bigotten, ko(s)mischen Gesang. In diese „schöne neue Welt“, die der Dystopie eines Aldous Huxley nahe wohnt, ja ihr Soundtrack sein könnte, gesellt sich die beste Lo-Fi-Post-Dubstep-Ambient-Compilation Kutmah presents Worldwide Family Vol. 2 (Brownswood) mit 21 exzellenten Tracks von Hastenochnichtgehört. Schon alleine die Biografie des DJs, Diggers, Gefängnisinsassen, Malers und Grafikers Justin „Kutmah“ McNulty ist es Wert, erkundet zu werden. Geradezu unglaublich, was der L.A.-Native an Erlebnissen (Gefängnis, Flucht, Deportation) und Verbindungen zum produzierenden Underground hat, und hier unveröffentlichte Perlen hervorzaubert. Platzverschwendend die vielen unbekannten Namen zu erwähnen, googelt und kauft sie Euch, verfolgt die Acts, bevor sie euch verfolgen. Super Musik für eine nimmermüde Burial-Gemeinde. Wie auch Gang Colours mit seiner supersoft smarten LP The Keychain Collection (Brownswood), die einen in Trance versetzen mag, als hätte man nie geraucht, getrunken, Pillen geschluckt, und die schöne neue Welt hätte ein gesundes frisches Antlitz. Die Wirkung ist so wie wenn man einem jahrelangen Hardcore-Kiffer ein, zwei Aspirin verabreicht: der Rausch von der Erlösung vom Rausch. Bei all den oben erwähnten Alben zeigt sich wie schnell die neue Slow-Motion-Bewegung wächst, wie ernstzunehmend sie ein ruhenden Gegenpol zu den schnöden Skrillex-Gewittern schafft, gesellschaftspolitisch wach und offen eine Realität darstellt, die der traumatisierten Jugend von heute einen Soundtrack ihrer Lebenslage liefert. Anders gesagt: heilende Musik aus einer kaputten Welt – die dramatische Inhaftierung von Kutmah wegen angeblich illegaler Immigration in die USA mag das unterstreichen. Nicht von ungefähr steht im Waschzettel zu „Broda“ (Gala Drop) von Gala Drop & Ben Chasny aus Lissabon etwas von Erlösung und obsessiver Empathie, was auf die auf transzendentale Musik schielende Clubmusik heuer sicher zutrifft – mir aber ist deren durchaus interessante EP im Gegensatz zu Gala Drops super Release auf Golf Channel dann doch etwas zu krautig. Hört da trotzdem mal rein. Oh, es wäre die neue Welt noch etwas schöner, derartiges mit Mixmaster Morris im Berghain aufzulegen.

Für The One (Jazzman) von Azanyah muss man sich die Ohren spitzen, um die Tiefe, Schräge und Komplexität des Bassisten Mamaniji Azanyah zu erfassen. Ein Freejazz-Album, das in den frühen Achtzigern aufgenommen, privat veröffentlicht und für eintausend Dollar gehandelt wurde, und zu den guten Spiritual-Jazz-Momenten der frühen achtziger Jahre zählen dürfte. Genau in der Zeit, 1982, nahmen The Jourbert Singers ihr „Stand On The Word“ in der First Baptist Church von New York City auf. Die wenigen Vinyl-Kopien (das Original erschien unter dem Namen Celestial Choir, wurde aber erst später auf Next Plateau als 12-Inch unter The Jourbert Singers veröffentlicht) griff sich Walter Gibbons im 7th Ave. Rock & Soul Shop, wo er arbeitete, und machte das Stück in New York so bekannt, dass Larry Levan Hand an dem Juwel anlegte. Jetzt bringt Favorite Recordings den Larry-Levan-Mix mit zusätzlichen, tollen Mixen von Panoptikum Arkestra (das sind die 7-Samurai-Jungs), Patchworks und dem jungen Pariser Talent Walter Mecca raus. Soul-Garage-House Galore! Disco-Afro Galore kommt vom frisch gebackenen Papa Daphni (alias Caribou), dem man bei seinem Edit für Malis Niama Makalou & African Soul Band (Sofrito) die Vaterfreuden durchaus anmerkt. Gratulation!

Exquisit sind auch der Moodymann-Remix für Pollyns „Sometimes You Just Know“ (Rough Trade), die „Stralau EP“ von Icasol (CTF), das kraftvoll maschinen-getriebene „Shifting Sands“ auf der „Sun Goddess EP“ von Mr. Beatnick (Don’t Be Afraid), und zu guter Letzt Phillip Wrights „Keep Her Happy“ (Plimsoll), eine 7-Inch-Soulrarität von 1976 auf Dash in einem wunderbar sophisticated groovenden Edit, den mein werter Kolumnen-Kollege Michael Rütten gefertigt hat.

 


Stream: Rdio-PlaylistFreistil (Mai/Juni 2012)