Es ist ein Zittern in der Welt. Resonanzen ferner Eruptionen. Einstmals eindeutige Emotionen sind zu milchigem Staub geronnen. Die interessanteste Musik zwischen Ambient und Drone wird von Menschen mit einem besonderen Sensorium für unklare Signale gemacht. Sei es im Nachspüren verschütteter Gefühlswelten oder in ihrer Rekonstruktion: was hier fasziniert, ist die Verdichtung einer Vielfalt disparater Klangelemente in einen einzigen massiven Fluss, die Konvergenz auseinanderstrebender Klangpartikel zu einem fühlbaren Ganzen. Die beiden Kalifornier EN treiben dieses Prinzip auf ihrem zweiten Album Already Gone (Students of Decay) zu neuen Höhen. Die Klänge einer elektrifizierten japanischen Laute und diverser Streicher sowie Orgelloops verschmelzen zu einem gleißenden Strom aus purem Sound. Es ist das vom Kopf auf die Füße gestellte Prinzip von Minimal-Techno: Einfachheit aus Fülle, Klarheit aus Komplexität. Auch Till Rohmann alias Glitterbug hat das verinnerlicht – ohne Scheu vor der Vertonung unkomfortabler Gemütsregungen. „Egress“ (False Industries) ist so etwas wie der leise melancholische Bruder seines aktuellen Albums Cancerboy (c.sides) und zeigt: Der Stachel der Vergänglichkeit, er lauert hinter Glück wie Schmerz. Wo Cancerboy jeder Hoffnung zuwider laufende Umstände in eine Feier des Lebens umdeutet, neigt „Egress“ zur gegensätzlichen Seite, zum Verschwinden in einem filigranen Soundscape stiller Intensität. Auch das britische Duo Emptyset empfängt auf „Medium“ (Subtext) kryptische Botschaften von finsteren Orten. Ihre splittrigen Dub-Drones entstanden in einer neogotischen Mansion im idyllischen Cotswold. Rurale Halluzinogene im Gewand urbaner Bassmusiken.

Die isländische Cellistin Hildur Guðnadóttir lässt auf Leyfdu Ljosinu (Touch) das Licht herein, zumindest ein klein wenig. Allerdings ist die vierzigminütige Cello-Suite noch immer eine ziemlich schwermütige Angelegenheit. Aber gerade in ihrer Ernsthaftigkeit findet Guðnadóttir zu physischer Intensität. Dramatisch und nah, hat ihre Musik einen ganz eigenen Sexappeal. Guðnadóttirs frühere Kollaborationspartner Strings Of Consciousness haben sich mit From Beyond Love (Staubgold) in die genaue Gegenrichtung bewegt und versuchen sich in kratzig experimentellem Ensemble-Pop mit einer guten Portion Post-Punk und Industrial.

Nostalgisches Schwelgen will gelernt sein. Das Bersarin Quartett betreibt es auf II (Denovali) in filmreifer Qualität. Die romantischsten Abschiedsszenen aus hundert Jahren Soundtrack-Geschichte verdichtet in zwölf streicherintensiven Berührstücken. Schönheit und Gefühlstiefe können ebenso aus einer unerwarteten Begegnung wie der von Benoît Pioulard und Rafael Anton Irisarri erwachsen. Als Orcas bringen sie ihre über Jahre verfeinerten musikalischen Idiome souverän in Einklang. Lo-Fi-Indie-Folk mit sonorem Gesang und erhabene Ambient-Klangskulpturen bilden kein Gegensatzpaar, wenn sie sich so unangestrengt und passgenau überlagern wie auf dem vielschichtigen Debüt Orcas (Morr).

Reissues zeichnen sich selten durch besondere Dringlichkeit aus. Eine spannende Ausnahme kommt von General Strike, der Kollaboration von Pop-Avantgardist Steve Beresford und David Toop (als Autor des Buchs Ocean Of Sound sowas wie der Schutzpatron dieser Kolumne). Danger In Paradise (Staubgold) zeigt vergessene Möglichkeiten: wie einfach und reduziert und doch so ausfransend und ausufernd elektronische Popmusik sein kann, ohne je an Charme zu verlieren. Den Neo-Shoegaze-Hipstern dieser Tage könnte es eine Lehre sein: De La Mancha machen auf The End Of Music (Karaoke Kalk) ähnlich wie Toro Y Moi auf June 2009 (Carpark) oder The British Expeditionary Force auf Chapter Two (Erased Tapes) feinsinnig psychedelischen Prog-Pop mit elektronischen Anklängen in Nachfolge von Animal Collective oder Ariel Pink. Zu echter Größe fehlt Ihren harmoniesatten Preziosen nur etwas Mut.

 


Stream: Rdio-PlaylistMotherboard Mai/Juni 2012