Schön, dass es ihn gibt: Jenen Zeitpunkt, da zusammentrifft, was längst schon hätte zusammen treffen sollen. Nur, niemand hat es getan. Sun Ra: Science-Fiction und Jazz. Parliament: Science-Fiction und Funk. Spacek: Science-Fiction und Neo Soul. Jetzt ist es wieder Zeit für den Moment. Da kommt DVA und lässt Teilchen aus Science Fiction und Dubstep aufeinanderprallen. Selbstverständlich nicht, ohne sie vorher gehörig zu beschleunigen. Damit sie sich bei Erstkontakt gut verformen. „Gotta find a space that’s mine“, singt die Stimme von Fatima zu Beginn von Pretty Ugly. Darum geht es. Darum, und um die zwanglose Erforschung des Vibes, den DVA vybe schreiben muss. Wie gesagt, es geht darum, das Alien im Beat zu suchen. Und es zu lieben, wenn man es findet.

Als Produzent ist Leon Smart hier auf dem Festland noch selten in Erscheinung getreten. Für sein eigenes Label DVA baut er Grime-Tracks mit Witz. Sein Debüt für Hyperdub liegt kaum mehr als ein Jahr zurück. Besser bekannt ist er als Radio-Moderator und DJ. Zumal in London, wo er zu Hause ist: Dort ist er so etwas wie die männliche Mary Anne Hobbs. Als Scratcha DVA trägt er nicht nur die stylishsten Sonnenbrillen seit dem Anti Pop Consortium, er moderiert auch die tägliche Morgensendung auf Rinse FM sowie seit einigen Monaten die Hyperdub-Label-Show. So etwas bringt Kontakte.

Und die nutzt DVA für Pretty Ugly: Unter anderem dafür, den Reigen voller unterschiedlichster Stimmen anzuschieben. Zaki Ibrahim performt Erregung, Al schmeißt einen Scheißtypen aus dem Haus, Natalie Maddix zärtelt, Fatima sprechsingt straßencool, und Cornelias Sopran wird in den akustischen Raum gesprengselt wie Jackson Pollocks Farben. Vikter Duplaix klagt samten. Ja, der Vikter Duplaix, die Goldene Stimme der Goldenen Neunziger in Philadelphia. Wenn hier also von Sängern die Rede ist und von Sängerinnen, dann in jedem dieser Fälle von solchen, die ein Gespür für diesen besonderen Moment haben. Denn der Typ, der bis heute Jungle liebt, der Grime und UK-Funky selbst produziert, und ein Herz für all das hat, was zwischen Coki und James Blake mit Dubstep zu tun hat, der DVA lasert eine scharfe Kante in all diese Tracks.

Die Beats verschieben sich ständig gegenüber den bekannten Zähl-, Tanz- und Mitschnippzeiten. In den paar Tracks, in denen sich DVA mit dem Instrumental begnügt, inszeniert er Synthesizer-Melodien von einer imposanten Glattheit: Es verliert sich im Unendlichen, dieses Glänzen. Für die Dellen und Knickse dürfen dann bei aller Poliertheit die Gesänge sorgen. Bei allem Wissen um den afrokaribischen Pop der vergangenen sechzig Jahren und dessen Folgen in Großbritannien hat DVA hier eine Nummernrevue vermieden. Mit Pretty Ugly wird eine neue Sound-Ästhetik vorstellbar – nicht bloß von Rinse-FM-Styles, sondern von Popmusik überhaupt.

 


Video: DVAMadness feat. Vikter Duplaix

  • Cem

    Hut ab vor dieser Rezension (hab ich im Heft selbst mit 3 Rufezeichen ausgestattet, was für mich bedeutet: Absolutes must have – at least – heard) eine neue Soundästhetik stelle ich mir aber nicht wie etwas vor, dass es so ja schon hundertmal davor und daneben schon gegeben hat, bzw. gibt. Zumal würde ich DVA eher in Rustie-Mohawk´sche Gefilde einorten, vieleicht noch Flying Lotus oder Zomby in seinen schlechten Momenten zitieren, bevor man da im treuen Leser Hoffnungen erweckt, die dann das Produkt nicht halten kann.

  • Lieber Cem,
    bitte entschuldige, jetzt erst habe ich die Rezension online gesehen mitsamt deinem Kommentar. Mit „neuer Soundästhetik“ meine ich nichts, was einer schwarzen Pyramide ähnlich vom Himmel fallen würde, deshalb habe ich zu Beginn ja auch eine historische Einordnung versucht.

    Doch obwohl ich großer Zomby-Fan bin, bleibe ich bei der Einschätzung, dass DVA hier etwas Neues gelingt, indem er die Neo-Soul-Geschichte um die fragmentierte Beat-Ästhetik der jüngeren Jahre bereichert. Geht meiner Meinung nach voll auf, und Songs schreiben kann er dazu noch. Wie findest du das Album denn inzwischen? Verstaubt es denn in deinem Rechner? Ich höre es mir in Momenten doch immer wieder an, bis heute.

    Christoph