Text: Thilo Schneider, Fotos: Michael Mann
Erstmals erschienen in Groove 134 (Januar/Februar 2012)

Es war ein entscheidendes Jahr für Kristian Beyer und Frank Wiedemann, zusammen bekannt als Âme. So haben die beiden 2011 die Rollen innerhalb ihres gemeinsamen Projekts neu aufgeteilt: Beyer wird weiterhin als DJ durch die Clubs touren, Wiedemann hingegen ausschließlich live spielen. Ihr Remix von Osunlades „Envision“ wurde im Groove-Jahrespoll zum besten Remix gewählt. Und ihr mit Dixon betriebenes Label Innervisions machte einen radikalen Schnitt: raus aus den klassischen Vertriebskanälen, rein in den Selbstvertrieb. Im April soll nun ein Livealbum der beiden Wahlberliner erscheinen.

Kristian, Frank, ein Livealbum ist eins der schwierigsten Formate überhaupt, gerade im Bereich der elektronischen Musik. Warum bringt ihr eins heraus?

Kristian Beyer: Man muss erst mal unseren Status quo erklären. Wir spielen ja erst seit einem Jahr live und hatten uns entschlossen, dass in Zukunft ausschließlich Frank als Âme live auftreten wird und ich weiterhin als DJ auflege. Es schaut immer etwas seltsam aus, wenn bei einem Laptop-Act zwei oder drei Leute auf der Bühne stehen.

Frank Wiedemann: Es war in der Vergangenheit oft der Fall, dass die Leute nicht wussten, wer von uns beiden eigentlich kommt. Ich denke, diese Trennung in Live und DJ macht die Sache etwas klarer. Das wird uns beiden auch gerechter. Kristian ist einfach der klassischere DJ von uns, während ich eher so muckermäßig aufgelegt habe. Das kann gut sein, das kann aber auch mal danebengehen. Mit dem Livespielen bin ich jetzt viel glücklicher, das entspricht mir viel mehr. Warum wir jetzt eine CD machen? Ich kann es ganz banal sagen: Wir hatten schon lange keine CD mehr, und das Material ist vorhanden. Also bringen wir es raus.

Inwiefern unterscheidet sich Âme live von den Ursprungsstücken?

Beyer: Die Tracks sind für das Liveset neu bearbeitet worden. Selbst Leute, die die Platten haben, erkennen diese Versionen oft gar nicht. Da mussten wir auch etwas zurückrudern, um die Stücke wieder etwas kenntlicher zu machen.

Wiedemann: Als ich angefangen habe, live zu spielen, habe ich erst einmal versucht, die Stücke fast 1:1 zu belassen. Das ist aber echt in die Hose gegangen. Die Originale sind sehr kleinteilig. Es wäre der Wahnsinn gewesen, wenn ich mich nur noch mit dem Reproduzieren des Arrangements beschäftigt hätte. Die Fülle an Sounds hat mir auch immer einen Wahnsinnsbrei im Club beschert, das hat mir keine Freiheiten gegeben. Also haben wir uns zusammengesetzt und uns überlegt, was die wesentlichen Bestandteile sind. Was macht den Track eigentlich aus? Dann haben wir das Ganze runtergestrippt.

Beyer: Man muss auch sagen, dass Frank sich auf die Bühne gestellt hat, ohne wirklich viel Erfahrung im Livespielen zu haben. Henrik Schwarz zum Beispiel hat Jahre dafür gebraucht, um auch technisch dahin zu kommen, wo er heute steht. Frank stand von Anfang an auf der großen Bühne, und da musste er sich erst mal einarbeiten. Ich denke, wir haben jetzt eine gute Basis gefunden.

Ist Henrik Schwarz ein Maßstab für euch?

Wiedemann: Bei ihm sieht man einfach, dass er Ableton wie ein eigenes Instrument spielt. Ich möchte ihn jetzt auch nicht in den Himmel loben, klar, wir sind gute Freunde. Aber er spielt das wirklich sehr virtuos. Und das muss ich auch erst mal lernen. Ein Musiker lernt ja üblicherweise zunächst sein Instrument im stillen Kämmerchen, spielt dann in ein, zwei Bands vor zwanzig Leuten und kommt dann irgendwann, wenn’s gut läuft, in eine Formation, mit der er vor 1.000 Leuten spielen kann. Ich habe mir innerhalb von ein paar Monaten mein Instrument draufgeschafft, hatte ein paar Proben und habe dann direkt vor ein paar Tausend Leuten gespielt. Das war eine große Herausforderung.

Wo habt ihr die einzelnen Tracks aufgenommen?

Wiedemann: Ich schneide jedes Mal mit, wenn ich live spiele, und das sind jetzt einfach die besten Versionen. Ich versuche, beim Spielen spontan zu reagieren, wie ein DJ. Die ersten zwei Stücke habe ich meist schon festgelegt, die brauche ich, um noch Sound-Korrekturen zu machen. Aber das Prinzip soll sein, dass ich während des Sets reagieren kann.

Als Tänzer kann man in den wenigsten Fällen nachvollziehen, was ein Club-Liveact macht, inwiefern also tatsächlich live gespielt wird.

Wiedemann: Das ist wirklich ein Problem bei den ganzen Laptop-Liveacts, dass man nicht sieht, was eigentlich passiert. Hinzu kommt, dass heutzutage auch viele DJs mit Laptops auflegen, sodass ich auch manchmal den Kommentar höre: super DJ-Set! Um es mal zu erklären: Ich arrangiere die Stücke live. Ich habe eine gewisse Anzahl an Spuren, ich habe Eingriffsmöglichkeiten wie Filter und Delays und kann dadurch die Dramaturgie neu gestalten. Was ich am Anfang unterschätzt habe: Interessant ist vor allem der Übergang zwischen zwei Stücken. Wie komme ich von einem Track zum nächsten?

Beyer: Beim Liveact ist es auch eine Frage der Persönlichkeit. Wenn Henrik wie ein Derwisch hinter dem Laptop herumwirbelt, sind die Leute einfach mitgerissen, auch wenn sie nicht wirklich begreifen, was er da eigentlich macht.

Greifen deshalb immer mehr Liveacts zu aufwendigen Visuals?

Beyer: Genau, bei Henrik geht es eher um die Person, bei Plastikman zum Beispiel geht es eigentlich nur um die Visuals. Ist auch interessant.

Warum verwendet ihr keine?

Wiedemann: In erster Linie geht es bei meinen Liveauftritten um die Musik. Und ich glaube, dass ich beim Spielen unserer Tracks auch genug mit der Musik beschäftigt bin. Licht oder Visuals unterstützen das Cluberlebnis natürlich, stehen bei mir aber nicht im Vordergrund. Es spricht jedoch nichts dagegen, da in Zukunft noch was einzubauen. Zumal es bei großen Festivals manchmal schwer ist, auf einer Riesenbühne nur mit Musik zu bestehen, da das Publikum heutzutage leider einiges mehr an Show zu benötigen scheint.

Bemerkst du auch bei den Bookern diesbezüglich eine veränderte Erwartungshaltung?

Wiedemann: Eher nur bei den Besuchern. Ich hatte am Anfang zum Beispiel auch ein Keyboard dabei, aber das ist untergegangen, weil das die Leute in der vierten Reihe nicht mehr gesehen haben. Man muss vielleicht auch mal zu banalen Sachen greifen. Ich habe dieses Jahr bei einer Neujahrsparty gespielt. Vor mir hat jemand aufgelegt, der „Big Fun“ und solche Hits gespielt hat, und ich fragte mich, wie ich da jetzt anschließen könnte. Da habe ich in meinem etwas durchen Moment einfach mein iPhone hochgehalten, wo ich so einen blöden Acidsynthie draufhatte – und die Leute sind durchgedreht! Vielleicht bräuchte ich mehr so kleine Gadgets, damit die Leute sehen, was ich da eigentlich mache.

Beyer: Ich habe letztens einen Liveauftritt eines hoch gelobten Produzenten gesehen, ich will jetzt keinen Namen nennen, der hatte seinen Laptop vor sich stehen, auf dem alle Clips komplett vorbereitet waren. Der hat da nichts neu arrangiert, sondern nur noch mit dem iPad die Stücke ineinandergeschoben und die Lautstärken geregelt. Tolle Musik, da gibt’s nix. Aber wenn das die Zukunft ist, na dann gute Nacht!

Den Gästen ist das aber vielleicht gar nicht so wichtig, die gehen zu einem bestimmten Liveact und wollen die Tracks hören, die sie bereits kennen.

Beyer: Aber dann sind wir beim Musikantenstadl!

Wiedemann: Ich finde es schon wichtig, dass man als Club-Liveact auch den Club noch im Blickfeld hat. Warum sind die Leute da? Zum Tanzen und nicht zum Gucken, was der Liveact da eigentlich macht.

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