Anspannen. Entspannen. Einatmen. Ausatmen. Lose Wiederholung exakter Bewegungen. Ein Weg zur körperlichen und geistigen Mitte, nicht nur beim Yoga. Gerade die minimaleren Varianten von House und Techno erzielen ihre somatische Tiefenwirkung in der ungenau genauen Variation der wenigen Bausteine, aus denen sie zusammengesetzt sind. Edward, der Nachnamenlose, ist ein Großmeister in dieser Übung. Schon seine ersten Tracks für Oskar Offermanns Label White zeigten eine erstaunlich vollendete, im besten Sinne reife – und, wie sich in fünf Jahren Musikproduktion und nach einer Handvoll EPs zeigte, keineswegs frühreife – Formensprache. Dunkle Ambientsounds und Stimmfetzen über einem Fundament aus samtweich pulsierenden Bässen und auch mal deftiger zupackenden Beats: Dieses reduzierte Setup genügt Edward, um eine Vielfalt an Befindlichkeiten zwischen vorsichtig intellektuell und verschwenderisch sexy zu evozieren.

In den vergangenen zwei Jahren hat seine Produktivität deutlich zugenommen. Auf EPs für Giegling und Blooming Soul konnte er experimentellere Wege gehen, Erwartungen und Formate hinter sich lassen. Sein Debütalbum Teupitz erscheint nun wieder bei seinem Hauslabel White und bündelt die gesammelten Erfahrungen in elf gediegenen Tracks. Von verspielten Sampleschnitzel-Einlagen umrahmt bewegen sich die Stücke zwischen den Koordinaten Chicago-House, insbesondere im Sinne Larry Heards, und den schwelgerischen Seiten von Detroit-Techno der zweiten Generation. Innerhalb dieses wohlbekannten Terrains findet Edward ganz selbstverständlich einen eigenen Platz, frei von jeder klanglichen Nostalgie. Sein House ist so frisch wie klassisch. Die Schönheit des Albums hängt sicher auch mit seiner bittersüßen Entstehungsgeschichte zusammen. Der Liebe wegen ist Edward von Berlin an den pittoresken Teupitzer See in Brandenburg gezogen. Nachdem die Liebe verging, lebt er nun wieder in Berlin.

Teupitz ist damit ein Dokument des Werdens und Vergehens vieler Angelegenheiten, etwa Raum, Zeit, Leben und Liebe. Bei aller Melancholie ist Teupitz kein Fanal eines Rückzugs. Im Gegenteil, Edwards Stücke spielen in und mit den verschiedensten Emotions- und Lebenswelten, ohne sich ins Paradoxe zu verlieren. Sie sind gleichermaßen geprägt von einer introvertierten Zartheit und weltabgewandten Verletzlichkeit wie von einer selbstbewusst zupackenden, aus dem nächtlichen Clubleben gezogenen Stärke. Zusammen vermitteln diese nur scheinbar gegensätzlichen Gefühlswirklichkeiten eine Hölderlinsche Lektion: Schwermut ist in Ordnung, ist doch Rettung allgegenwärtig. So ist Teupitz ein kleines Päckchen intensiven Trosts für hoffnungslose Romantiker – und für alle anderen auch.