„Mörderisch harten Loop-Techno zu machen wird schnell langweilig“, schrieb T.J. Hertz alias Objekt vor einigen Monaten in einer Twitter-Nachricht. „Ich bin froh, dass andere Produzenten die Nerven dazu haben, zwölf Stunden lang den gleichen 909-Loop anzuhören. So kann ich stattdessen ihre Platten spielen“, fügte der junge Engländer, der in Berlin als Software-Entwickler für Native Instruments arbeitet, hinzu. Dass Hertz keine Lust auf öde Studio-Routine hat, machten seine beiden ersten Singles im vergangenen Jahr deutlich. Mit den beiden selbst verlegten EPs „Objekt #1“ und „Objekt #2“ legte er aufsehenerregende Erstlinge vor, die vor sorgfältig gestalteten Details und vielfältigen Ideen nur so strotzten.


Stream: ObjektObjekt #1

Keines der vier Stücke war kürzer als fünf Minuten und alle nahmen sie innerhalb dieser Zeitspanne so viele unerwartete Wendungen, dass sie fast wie kurze DJ-Sets wirkten. Hinzu kam, dass Hertz sich mit jeder der beiden EPs ein anderes Genre – Dubstep im Fall von Nummer eins und Techno im Fall der zweiten Platte – vornahm, und es ihm dabei gelang, beiden Stilen mit seinen unbekümmerten Interpretationen neue Impulse zu geben.


Stream: ObjektObjekt #2 (Clips)

 

Nach einigen Remixen (unter anderem für SBTRKT und Radiohead) folgt nun die dritte eigene Platte von Objekt auf Hessle Audio. Dass die Rasselbande um Ben Ufo, Pearson Sound und Pangaea auf Hertz aufmerksam wurde, verblüfft wenig, bringt der Berliner Exilant doch eine ähnliche Tendenz zum Überschreiten von Stilgrenzen mit, wie die Label-Betreiber selbst. Die beiden Stücke der Single, „Cactus“ und „Porcupine“, stellen dagegen eine kleine Überraschung dar, weicht Hertz doch bei ihnen erstmals von seiner bisherigen Formel ab, so viele Ideen wie möglich in einen einzigen Track zu packen. „Cactus“ ist vielleicht das bisher minimalste Objekt-Stück, bei dem sich alles um einen Sägezahnbass-Loop dreht, der an klassische Dubstep-Produktionen von Skream oder D1 erinnert.

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Stream: ObjektCactus (Clip)

Bei „Porcupine“, einem vorwärts treibenden Techno-Track inklusive ausgedehntem Breakdown und majestätischen Halleffekten, kommt dann die verschwenderische Objekt-Seite wieder durch. Anstatt dem gloriosen Finale, auf das der Track zusteuert, folgt nach etwas mehr als fünf Minuten ein abruptes Ende, bei dem Hertz das Stück recht radikal ausblendet.

[soundcloud]http://soundcloud.com/hessleaudio/objekt-porcupine-hes-019[/soundcloud]
Stream: ObjektPorcupine (Clip)

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Beide Tracks sind trotz dieser kleinen Mankos sehr gut und passen hervorragend in den Hessle Audio-Katalog. Es bleibt aber zu hoffen, dass sie keine Anzeichen dafür sind, dass Hertz dabei ist, die Lust an ausufernden Experimenten zu verlieren. Es wäre schade, wenn auch aus seinem Studio irgendwann nur noch routinierte Massenware kommen würde.

Alles andere als ein Massenprodukt ist die Maxi-Single „Don’t Ask, Don’t Get“ von Richard Attley alias Mickey Pearce (Swamp 81). Nicht nur weil sie ausschließlich in einer limitierten Vinylauflage erscheint, sondern auch weil sie im Augenblick den radikalsten Entwurf in jenem Feld zwischen House, UK Funky und Electro darstellt, welches das Label der früheren Dubstep-Legende Loefah so erfolgreich beackert. Beide Tracks im House-Tempo sind fast ausschließlich aus Geräuschen und perkussiven Samples aufgebaut und erinnern an die experimentelleren Produktionen des Grime-Veteranen Wiley (dessen Stimme auf dem Titelstück gesampelt wird) oder auch an den Bassmusik-Helden Untold zu seinen besten Zeiten.


Stream: Mickey PearceDon’t Ask, Don’t Get

 

Mut zum Experiment beweist auch Alec Storey aus Bristol. Nachdem er zuletzt auf seiner „Swan Sketch EP“ (Baselogic) unter seinem Künstlernamen Al Tourettes seiner Leidenschaft für Industrial-Techno frönte, lotet er auf der tollen „Habit Inventing EP“ (Sneaker Social Club) nun aus, wo die Grenzen für Bassmusik im 140-bpm-Bereich anno 2012 liegen könnten. Die A-Seite „Habit 7“ ist Dubstep im Gewand von gebrochenem Bleep-Techno, die B-Seite verbindet 2Step-Rhythmen mit Dub-Akkorden und verspulten IDM-Klängen.


Video: Al TourettesInventing

 

Im Graubereich zwischen Bassmusik und Electronica operiert auch der Produzent Point B mit seinem empfehlenswerten Album The Veld (Frijsfo Beats).


Stream: Point BThe Veld (Sampler)

 

Schließlich gibt es erstmals seit längerem wieder ein größeres Aufkommen an qualitativ hochwertigen Dubstep-Platten zu vermelden: Die Rückkehr der Pioniere Digital Mystikz mit „Marduk/Enter Dimensions“ (DMZ) etwa, die dritte EP „Cities of Technology“ (Keysound) der Großstadt-Esoteriker LHF oder auch der Percussion-Step von Killawatt auf „Mantra/Schizophonia“ (Box Clever).


Stream: LHFEssence Investigation by Amen Ra (Clip)