Text: Sascha Uhlig, Fotos: Bree Kristel Clarke
Erstmals erschienen in Groove 133 (November/Dezember 2011)

Er ist einer der umtriebigsten Multitasker der britischen Houseszene. So verwundert es kaum, dass es Jesse Rose, den 33-jährigen DJ, Produzenten und Manager von gleich drei Labels, nicht lange an einem Ort hält. Nachdem er 2005 von London nach Berlin zog, ist der Brite nun in Los Angeles sesshaft geworden. Im Interview sprachen wir mit einem so redseligen wie quickfidelen Jesse Rose über die Rave-Renaissance in Amerika, Pop und Underground sowie den Kontroversen entfachenden Erfolg von Oliver $s „Doin’ Ya Thing“.

Jessie, als du 2005 von London nach Berlin gezogen bist, hast du gesagt, dass du ein stressfreies Leben haben willst.

Zumindest mit weniger Stress als in London, genau. In London habe ich zwanzig Stunden pro Tag gearbeitet, in Berlin lebt es sich dagegen sehr entspannt. Aber irgendwann habe ich neuen Antrieb gebraucht. Es ist sehr einfach, in Berlin nur eine Single pro Jahr zu veröffentlichen, und alles läuft bestens. Aber ich möchte immer einen Schritt weiter gehen. Ich weiß, wie ich eine Houseplatte mache. Aber kann ich auch eine Künstleragentur aufbauen? Es gibt so viele Dinge, die ich machen will.

Gab es darüber hinaus etwas, das dich an Berlin genervt hat?

Ich kann eigentlich nicht viel Schlechtes über die Stadt sagen, außer vielleicht, dass es sechs Monate lang verdammt kalt ist (lacht). Und es dreht sich alles um die Clubs. Vor fünf Jahren ging es auch in meinem Leben noch ausschließlich darum, nonstop als DJ unterwegs zu sein, drei Gigs an einem Wochenende zu haben, um meine Labels und all das. Aber mit der Zeit dachte ich: Okay, ich bin glücklich damit, wie es läuft, aber wo bleibt der nächste Schritt?

Dieser Schritt führte dich im Januar dieses Jahres nach Los Angeles. Wo genau lebst du dort?

Ich lebe in Los Feliz, einem ziemlich hippen Stadtteil von Hollywood, nicht weit vom Griffith Park, und ich liebe es dort. Es ist sehr hügelig, und von meiner Wohnung aus habe ich einen tollen Blick auf die Stadt. In LA konzentriere ich mich auch wieder mehr auf eigene Produktionen und mein neues Album. Das Tolle dabei ist, dass ich für kein bestimmtes Publikum produziere. Die Leute, die zu meinen Gigs kommen, würden eine HipHop-Platte oder einen Drum’n’Bass-Track von mir bestimmt genauso mögen.

Du arbeitest also an einem neuen Album. Planst du dafür auch wieder mehr Kollaborationen?

Auf jeden Fall, da ist einiges vorgesehen. LA bietet sich da geradezu an, es wimmelt hier nur so von kreativen Leuten. Mein erstes Album (Jesse Rose presents More Than One von 2006, Anm. d. A.) bestand nur aus Kollaborationen, unter anderem mit Henrik Schwarz, Jamie Anderson oder Solid Groove. Das war eine tolle Möglichkeit, um verschiedene Stile auf meinem Album zu haben, von anderen zu lernen und bei ihnen zugleich ein paar Tricks abzugucken.

Wer hat dir dabei besonders geholfen?

Am Anfang vor allem Switch, aber irgendwann hat es ihm mit mir gereicht (lacht). Ich sollte endlich lernen, Tracks ganz allein zu produzieren, weil ich meist nur rumgehangen und Gras geraucht habe, während er im Studio die ganze Arbeit gemacht hat.

Switch lebt bereits seit einiger Zeit in LA. Hatte er einen starken Einfluss auf dich und deine Entscheidung, auch dort hinzuziehen?

Definitiv! Als ich vor sechs Jahren das erste Mal dort aufgelegt habe, habe ich es gehasst. Du bist in deinem Hotel irgendwo in Hollywood, überall sind Touristen und Mädchen mit falschen Titten und aufgepumpten Lippen. Die Clubs sind überfüllt und cheesy. Aber je häufiger ich Switch besucht habe, desto mehr lernte ich das andere, kreative LA kennen. Hollywood ist ja nur ein kleiner Teil davon. Stell dir vor, du ziehst nach Berlin und siehst nur bürgerlich-brave oder schicke Stadtteile wie Spandau, Steglitz oder Charlottenburg. Du kriegst gar keine Idee davon, was sonst noch alles passiert.

Du hast die Clubs in LA angesprochen. Seit einigen Jahren hat die elektronische Musik in Amerika wieder starken Aufwind. Wie ist diese Rave-Renaissance in den Staaten einzuschätzen?

Ich weiß nicht so genau. Schließlich war ich nicht dabei, als Rave dort schon einmal groß war. Momentan ist Dubstep das große Ding. Die Kids nennen den wirklich schnellen, von mittleren Frequenzen und vielen Wobble-Sounds bestimmten Dubstep von Produzenten wie Rusko oder Caspa allerdings nur noch „Brostep“. Ein Bro ist ein guter Freund oder wahlweise auch einer dieser schmierigen White-trash-Typen, die immer besoffen auf Partys rumspringen und jeden nerven. Es gibt übrigens sogar Dubstep auf dem neuen Album von Jay-Z und Kanye West zu hören, selbst Britney Spears probiert sich daran, und Leute wie Rusko sind gefragte Produzenten. Daft Punk und Justice haben vor drei, vier Jahren wichtige Vorarbeit geleistet und die Musik solchen Menschen nähergebracht, die vorher nie etwas damit zu tun hatten. Auf einmal interessieren sich ganz verschiedene Leute für elektronische Musik, und bei den größeren Partys treffen auf einmal Rocker und HipHop-Kids aufeinander.

Unterscheiden sich deine DJ-Sets in Amerika und Europa eigentlich?

Nein, wenn ich in Berlin oder LA bin, spiele ich exakt das Gleiche. Vielleicht gehe ich in LA nicht ganz so tief, aber ich spiele keine komplett anderen Tracks. Die Kids gehen trotzdem darauf ab. Vielleicht kennen sie die Stücke nicht, aber sie sind sehr offen für Neues, sie wollen einfach Spaß haben und tanzen.

David Guetta baut seit Neuestem Beats für Snoop Dogg, und selbst die Black Eyed Peas klingen viel elektronischer als früher. Könntest du dir vorstellen, auch mal ein großes Pop-Projekt zu produzieren?

Ja, natürlich! Switch arbeitet zum Beispiel schon mit Jay-Z, Rihanna und all diesen fantastischen Künstlern zusammen. Gemeinsam mit Beyoncé hat er „Run The World (Girls)“ aufgenommen, das war ihre Idee. Vielleicht ist das Ergebnis nicht ganz so groß, wie es hätte sein können. Aber Beyoncé singt auf einem Beat von Major Lazer, wie großartig! Es geht nicht so sehr um Underground oder Pop, es geht um die Frage: Kann ich eine gute Platte produzieren, die sich fünf Millionen Mal verkauft? Auch die Beatles, Prince oder Bob Marley waren Pop. Waren sie deshalb schlecht? Millionen Menschen haben Beyoncés Single gehört, vielleicht besorgen sich ein paar davon auch das Major-Lazer-Album. Ich würde nie die Musik in meinen DJ-Sets ändern, auf großen Festivals nur Hymnen oder Pophits spielen. Aber als Produzent will ich wissen, ob ich noch mehr kann, als nur Tanzmusik zu produzieren.

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