Text: Florian Obkircher, Fotos: Alex de Mora, Videostills: Groove TV/Boiler Room
Erstmals erschienen in Groove 132 (September/Oktober 2011)

160.000 Gäste pro Nacht, zugeschaltet rund um die Welt. Keine schlechte Bilanz für eine Veranstaltungsreihe, die gerade mal ihren ersten Geburtstag gefeiert hat. Wie man weltweit Schlafzimmer in Clubs verwandelt, verrät Blaise Bellville, Betreiber von Boiler Room, der spannendsten Party-Internetbroadcasting-Reihe der Gegenwart.

Es ist heiß und stickig. Verschwitzte Oberköper drängen sich auf dem kleinen Dancefloor eng aneinander, die Funktion-One-Anlage massiert das Genick von hinten im Takt der Bassdrum. Plötzlich legt Mark Pritchard seinen Africa-Hitech-Überhit „Out In The Streets“ auf – zweihundert Hände schnellen in die Luft: Reeeewind! Klingt nach einer guten Wochenend-Nacht im Londoner Club Corsica Studios, klingt nach kurz vor der Sperrstunde. Tatsächlich ist es aber Dienstagabend, gerade mal 20.30 Uhr, um genau zu sein. Und so sehr die Party, die sich Boiler Room nennt, auch abgeht, eigentlich ist das, was hier gerade im Süden Londons passiert, nur die Spitze eines Eisbergs. Denn Boiler Room ist weit mehr als eine weitere coole Clubnacht. Boiler Room ist, wie Gilles Peterson es formuliert, die „Zukunft des Broadcasting“.

 


Video: Boiler Room #56Mark Pritchard

 

„Broadcasting“ heißt Übertragung der Veranstaltung im Internet. Denn neben den circa hundert Anwesenden im Club verfolgen gerade an die 160.000 Menschen auf der ganzen Welt Mark Pritchards DJ-Set. Darunter Zehntausende US-Amerikaner, rund zweitausend Russen, jeweils ein paar Hundert Zuschauer aus Japan und Südamerika, zugeschaltet via Live-Broadcast. Daheim vor ihren Computern tauschen sie per Livechat Tracktitel aus und kommentieren die Sets. Noch einmal doppelt so viele hören die wöchentlichen Shows später auf Soundcloud nach. In Städten wie Amsterdam, Dublin oder Auckland veranstalten Fans ihre privaten Boiler-Room-Partys, bei denen sie die Londoner Show live auf Leinwände projizieren. Angesichts des hochkarätigen Lineups ist das kein Wunder. Four Tet, Mount Kimbie, Jamie XX, Ben UFO, Hudson Mohawke, Ramadanman, Floating Points oder Addison Groove – quasi die halbe britische Future-Bass-Szene kommt regelmäßig vorbei, entweder als DJ oder einfach als Partygast. Ausgesuchte Labels von Young Turks über R&S oder Hotflush bis Numbers und Hessle Audio sind regelmäßig mit ihren besten Pferden Gast-Gastgeber bei „Takeovers“. Internationale Gäste wie Diplo oder Theo Parrish teilen sich die Plattenspieler mit britischen Newcomern wie Hyetal, Klaus oder Blue Daisy. Boiler Room stellt derzeit in der vitalen und an guten Clubnächten nicht gerade armen Londoner Szene so etwas wie einen Netzknoten dar. Einen Netzknoten, an dem jeder andocken möchte.

Geld fließt dabei nicht, weder an der Tür noch nach Ende der Show im Backstage-Raum. Der Eintritt ist immer frei, die Künstler sind größtenteils Freunde und Bekannte der Betreiber Blaise Bellville und Thristian Bpm. Auch Verträge gibt es keine, für die Labels und DJs ist es eine Ehre, ihr Vinyl beim Boiler Room aufzulegen. Sagen immerhin Künstler wie Mount Kimbie oder Jackmaster, Chef des Numbers-Labels. Und das, obwohl die Veranstaltungsreihe gerade mal ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.

Start im kleinen Kreis

Im März 2010 entdeckte Bellville einen alten Heizungsraum im Keller seines Lagerhallen-Büros in Dalston in Ostlondon. „Ich hab meine Kumpels eingeladen, rüberzukommen und dort unten ein Mixtape aufzunehmen“, erinnert er sich. „Ein paar Tage davor hab ich DJ Onemans Ustream-Onlineshows gesehen. DJ-Sets, die er daheim bei sich im Schlafzimmer mitgeschnitten und gleichzeitig gefilmt hat. Und ich dachte mir, vielleicht sollten wir auch einfach eine Webcam aufstellen.“ Beim ersten Boiler Room waren sechs Leute anwesend, allesamt Freunde von Bellville und Bpm, die sich mit Dosenbier um ein provisorisches DJ-Setup versammelten. Kollektives Kopfnicken im kleinen Kreis. „Am nächsten Tag hat jeder in unserem Bekanntenkreis darüber geredet. Ich hatte das Gefühl, wir sollten die Idee weiterspinnen“, erzählt Bellville.

Wenn einer wie er so etwas denkt, dann hat das Folgen. Der 26-jährige schlaksige Londoner ist ein Macher. Das war er schon als Teenager. Damals veranstaltete Bellville in London sogenannte Underage-Partys für Leute, die für reguläre Clubs noch zu jung waren. Der Anlass: Ein paar befreundete Bands waren selber noch zu jung, um in Clubs auftreten zu dürfen. Seine Veranstaltungsreihe verbreitete sich schnell als Franchisekette über die ganze Insel. „Mein Talent ist vermutlich, dass ich Möglichkeiten sehe“, erklärt Bellville, „die ich schnellstmöglich realisieren möchte.“

Seit zwei Jahren betreibt er das Londoner Lifestyle-Label Platform, das der Dachverein für Boiler Room sowie für dessen Online-Magazin Leisure ist, ein Jugendkultur-Blog von Anfangzwanzigern für Anfangzwanziger. Mit dem Esprit und dem Humor, die dem Vice Magazin vor langer Zeit verloren gegangen sind. „Ich bin eben leicht manisch“, sagt Bellville. „Gestern Nacht zum Beispiel habe ich beschlossen, einen neuen Computer-Bildschirm zu kaufen. Heute Morgen war ich schon um 8:30 Uhr vor einem Laden in Convent Garden und habe gewartet, bis er aufsperrt. Ähnlich euphorisch war ich nach der ersten Boiler-Room-Nacht.“

Während Bellville sich ums operative Geschäft kümmert, ist Thristian Bpm das musikalische Mastermind – und der Gastgeber, der den Dienstagabend am Mikrofon eröffnet und das Publikum im Raum und vor den Bildschirmen pünktlich um 23.30 Uhr wieder verabschiedet. Tagsüber arbeitet der 28-Jährige beim Soul-Jazz-Plattenladen Sounds Of The Universe und ist Gilles Petersons rechte Hand. „Boiler-Room-DJs sind eklektisch und verfügen über ein breites Musikwissen“, sagt er. „Einfach gesagt, ihre selection muss spannend sein. Wenn mich das Demo schon langweilt, wie kann ich den DJ dann unseren Gästen zumuten?“ In den ersten Monaten rekrutierte Bpm vor allem DJs aus seinem Bekanntenkreis. Einer davon war Kai Campos von Mount Kimbie. „Thristian fragte, ob ich nicht Lust hätte, vorbeizukommen und ein paar Platten zu spielen, es gebe auch gratis Rum“, erzählt der Musiker amüsiert. „Ich war dann wirklich sehr besoffen bei meinem Set. Ich habe denselben James-Blake-Track zweimal hintereinander gespielt, ohne es zu merken. Dass da auch noch eine Kamera war, war mir erst recht nicht bewusst.“

Die Webcam ist der eine wesentliche Aspekt, der darauf hinweist, dass Boiler Room in erster Linie eine Broadcasting-Show und keine Clubnacht ist. Der andere ist, dass die DJs ebenerdig und mit dem Rücken zum Publikum spielen. „Es ist schon ungewohnt“, sagt Bpm, „aber viele unserer DJs genießen es. Wenn du ins Publikum schaust, hast du immer das Gefühl, du musst die Leute zum Tanzen bringen. Diesen Zwang gibt’s bei uns nicht.“ Und sein Partner Bellville ergänzt: „Zu dem Zeitpunkt, als wir angefangen haben, kamen in London gerade viele Tracks raus, die großartig, aber keine wirklichen Club-Banger waren. Und Boiler Room war damals eine Art Brutstätte für diese vertracktere Post-Dubstep-Szene. Jamie XXs Gil-Scott-Heron-Remixes etwa wären in einem regulären Club sicher zu wenig geradeaus gewesen. Aber wenn du in deinem Schlafzimmer sitzt und siehst, wie die Leute dazu abgehen, dann nimmst du die Musik anders wahr. Das ist eben der große Vorteil einer Online-Show.“

Dabei ist das Konzept der Live-Broadcasts nicht wirklich neu. Schon 1999 strahlte die Internet-Broadcasting-Radiostation Dublab aus einem kleinen Studio in Los Angeles DJ-Sets aus, damals noch mit einem einfachen 56k-Modem. Heute nimmt Dublab die Sets von Gästen wie Flying Lotus, Ariel Pink oder Matmos mit drei Kameras auf und schickt sie über den Streamservice Yowie ins Internet. Dagegen nimmt sich das Setup von Boiler Room fast bescheiden aus: eine Mini-Webcam, eine kleine handgetragene Kamera, ein Haufen Kabel und ein Laptop. „Die Handkamera haben wir gerade erst gekauft. Das hat unser Budget für die nächsten drei Monate gesprengt“, sagt Bellville grinsend.

Für die Übertragungen verwendet Boiler Room die Lösung Watershed, eine kundenindividuelle, kostenpflichtige Version von Ustream. Das wiederum ist jene Website, auf der auch Steve Bishop alias DJ Oneman im Juli 2009 sein erstes Schlafzimmer-DJ-Set via Webcam gestreamt hat – inspiriert von Snoop Dogg, der sich eine Zeit lang jeden Morgen beim Kiffen selbst filmte. Als Oneman erkannte, dass man auf Kamera-Chatroom-Sites wie TinyChat die Soundkarte als Audio-Output verwenden und somit Audio gratis in hoher Qualität streamen konnte, startete er seine Yard Sessions. „Im Club hast du ja immer nur ein paar Hundert Platten dabei. Und ich wollte einfach mal das Gefühl haben, alles aus meinem Plattenregal spielen zu können“, sagt er. „Es war fantastisch. Am Anfang waren’s vierzig Leute, die meine Shows verfolgt haben, einige Monate später schon ein paar Hundert. Im Gegensatz zu einer Radioshow hab ich meine Yard Sessions ganz spontan gemacht. Ein paar Platten rausgesucht, über Twitter und Facebook eine Nachricht rausgeschickt, und boom: Ich hatte mein Publikum.“ Wenig später griffen andere Londoner Musiker wie Bok Bok oder Ikonika die Idee auf und starteten ihre eigenen Ustream-Shows. „Die Boiler-Room-Jungs haben das Konzept dann auf eine neue Stufe gehoben“, sagt Bishop. „Mit einer ganz simplen Methode: Sie haben all diese vereinzelten Shows unter ein Dach geholt, um Produzenten und Bands ein viel größeres Publikum zu bieten.“ Der Boiler-Room-Macher Bellville fügt hinzu: „Wir sind keine Radiostation, kein Magazin und keine TV-Station. Deshalb werden wir von Online-Plattformen wie Pitchfork oder Fact nicht als Konkurrenz betrachtet, sondern als Content-Produzenten, mit denen sie sich gern verlinken. Ich hasse das Wort, aber Boiler Room ist so viral, wie nur überhaupt möglich.“

Die Dynamik des Livestreams

Jeden Dienstag schleppt Eimear Fitzmaurice in Dublin fünf Beamer in den altehrwürdige Pub The Bernard Shaw. Um 19 Uhr beginnt die Irin, mit Freunden Leinwände und Projektoren aufzubauen. Der Laptop wird angeworfen, die Soundkarte mit der Anlage verbunden. Wenn um 20 Uhr dann Thristian Bpm in London den ersten Auftritt ankündigt, scharren Dutzende irische Boiler-Room-Fans schon vor den Leinwänden mit den Füßen – um ihre eigene Party zu feiern. „Wir sind im Livechat draufgekommen, dass es in Dublin viele Leute gab, die sich wöchentlich zuschalten“, erzählt Fitzmaurice. „Für uns war das quasi eine Aufforderung, hier in unserer Stadt einen eigenen sozialen Raum zu schaffen, in dem wir uns wöchentlich treffen, tanzen und die Show streamen können.“ Die erste eigene irische Boiler-Room-Session fand im April statt, an den Decks in Dublin standen Diplo, Jackmaster und Lunice. „Eigene DJs laden wir aber selten ein“, erklärt Fitzmaurice. „Wir wollen die Dynamik des Livestreams einfangen und zeigen, dass man eine großartige Party haben kann, auch wenn die eigentlich woanders stattfindet.“

Die erste Geburtstagsfeier im Mai war dann die erste Möglichkeit für die Online-Community, einmal live beim Boiler Room in London dabei zu sein. Während das Publikum normalerweise aus Freunden der Künstler und Labels besteht – Boiler Room pflegt eine Guestlist-only-Politik –, gab es erstmals Tickets zu kaufen. Das Ergebnis: Neunhundert Menschen drängelten sich vor der mittlerweile neuen Location Corsica Studios. „Anfang des Jahres mussten wir aus unserem alten Lagerhaus in Dalston raus – zu viel Stress“, sagt Bpm. „Wir waren es leid, uns bei den Nachbarn jede Woche für die neuen Graffiti und Pissspuren neben der Tür zu entschuldigen. Außerdem hat Corsica Studios die perfekte Größe und eine der besten Anlagen der Stadt.“

Der Umzug war nur ein weiterer Schritt für Boiler Room. Der nächste steht an. Den ganzen Sommer über ist das Team unterwegs auf Festivals wie Sónar oder Gilles Petersons Worldwide im südfranzösischen Sète, um Liveshows vor Ort zu streamen. Im Herbst stehen unter anderem Reisen nach New York, Buenos Aires oder Nairobi an. Denn in seinem zweiten Jahr will Bellville sein Baby auf Reisen schicken. Ähnlich wie sein Publikum soll Boiler Room nicht mehr auf einen Ort beschränkt sein. „London ist gerade eine sehr spannende Stadt“, sagt Bellville, „aber wir wollen unser Format nutzen, um spannende Musikszenen in aller Welt zu erkunden.“