Between Worlds heißt Kelvin Sholars neues Album auf Kasmavtsu Music. Der Titel ist weniger Programm, vielmehr zeigt die Musik deutlich auf, dass klassisch geschulte Musiker eine andere Sprache sprechen als Autodidakten und spontane zeitgeistige Knobfiddler. Einem Knobfiddler kann man schwer ins Arrangement reinreden, nichts glattbügeln, da ist der Entstehungsprozess wichtig, der Moment. Da passen die Details oft nach kurzem Knöpfchendrehen, wenn nicht, wird der Sound dreckiger gedreht oder der Groove zerhackt. Was nicht heißen soll, dass ein Stück nicht Monate braucht, bis es fertig ist. Kelvin Sholar hat Jahre an diesem Album gearbeitet, der Entstehungsprozess war ein dauerhaftes Wenden der Details, neu Arrangieren, Austauschen, virtuos Jazz spielen und House machen wollen. Das Ergebnis ist gebügelt: schöner Pianohouse, eleganter Techjazz oder sophisticated Jazz, der Sholars unglaubliche Versiertheit am Piano glanzvoll widerspiegelt. Aber es wirkt dennoch aseptisch, klinisch, linear – eben wie ein hoch dotierter Klavierprofessor (Sholar hat zehn Awards, ist Master Class Teacher und Ballet Pianist), der in die Welt von House und Techno blinzelt und mit der Ernsthaftigkeit eines Branford Marsalis auftrumpft. So steht Sholar in seinem mit transparenten kristallenen Synthieflächen klingenden Housekorsett, seinem fast perfekten Arrangement, etwas zu glasklar und besenrein da. Das „Zwischen den Welten“ (Between Worlds) bezieht sich auf die Fingerfertigkeit eines klassischen Jazzpianisten, der auch im Club stattfindet. In die Clubmusik-Hemisphäre kam Sholar durch seinen Schulfreund und Mentor Carl Craig, für den er etliche Pianolinien und Soli sowohl für Remixe als auch Live für Innerzone Orchestra einspielte oder mit dem er in Sessions an Modularsynthesizern jammte. Sholars Fender Rhodes oder E-Pianos hört man auch bei Q-Tip, Christian Prommers Drumlesson, in einem Spike-Lee-Film oder im vergangenen Jahr des Öfteren live in diversen Houseclubs. Mir bleibt – ähnlich geht es mir bei Francesco Tristano – ein Beigeschmack von Tristesse.


Video: Kelvin SholarContinuum

 

Das liegt vor allem daran, dass wir zurzeit eine Renaissance der Downbeat-, Souljazz- und TripHop-Sounds der frühen Neunziger erleben. Die aktuell gefühlten Parameter heißen: runter vom Tempo (Kniegas), trippig, soulful, jazzy, leicht verspult, vermehrt Samples benutzen, spiritueller Quark, Orgeln wie Jimi Tenor oder Post-Dubstep-Sound mit Soulstimme. Mit all diesen Elementen kokettieren zwei Projekte auf ihren Debütalben in wunderbarer Manier: Scrimshires The Hollow (WahWah) oder die japanische Band Anchorsong mit Chapters (Tru Thoughts), die sich mit MPC2500 Sampler, Mini-Keyboards, Geige und Beats à la DJ Krush, dem frühen Bonobo oder Daedelus ins Gehör schmeicheln.


Video: ScrimshireHome (feat. Faye Houston)

 

Beides sind überzeugende Debüts und untermauern einen Trend mit Reminiszenzen an die frühen Neunziger, als sich etliche Produzenten vom damaligen House-, Acid und Technoboom sowie vom HipHop-Mainstream ab- oder gar nicht erst zuwendeten, stattdessen verschleppte, variable Tempi, undurchsichtige Vielschichtigkeit oder trippige Weltmusik mittels Elektronik ausloteten oder sich gar Chillout-Musik annäherten. Ich darf da an die Gentle People auf Rephlex sowie Jimi Tenor, Warp, Apollo, Mo’Wax oder Uwe Schmidt (Atom Heart, Lisa Carbon Trio, Señor Coconut) erinnern. Tolle Zeiten, die heuer verifiziert werden. Oder hör ich allein die Nachtigall trapsen, weil es eh nichts Neues gibt? Egal, die Chemie stimmt mich positiv auf 2012 ein.


Stream: AnchorsongPlum Rain

 

Bleiben wir noch bei den älteren Herren. Den organischen, auch clubtauglichen Spacejazz in neuer Verpackung findet man zum Beispiel auf Emanative & Ahmed Abdullahs „Lions Of Judah“ (Brownswood), einer Hommage- und Benefizplatte (180 Gramm Vinyl, 12-Inch-only, mit schönem Cover und ausführlichen Linernotes) für Steve Reid, einen der größten Jazzdrummer aller Zeiten, der im April 2010 an Krebs sterben musste, weil er sich keine Operationen leisten konnte. Gilles Peterson hat die Steve Reid Foundation ins Leben gerufen und Nick Woodmansey, Jessica Lauren (Orgel) sowie den Trompeter und Sun-Ra-Arkestra-Veteranen Ahmed Abdullah zusammengebracht, um Steve Reid posthum zu huldigen. Abdullah spielte mit Steve Reid bei The Legendary Master Brotherhood und schrieb mit ihm das Original „Lions Of Judah“. Obendrein hat Peterson noch Four Tet für einen Edit gewonnen, zu dem man schön schräg durchs Jahr 2012 und zurück hüpfen (äh: oder steppen) kann.


Stream: emanative & Ahmed AbdullahLions Of Judah (+ Four Tet Re-Edit)