Text: Felix Denk & Sven von Thülen
Erstmals erschienen in Groove 133 (November/Dezember 2011)

Teil eins | Teil zwei

Nachdem wir mit dem Einkauf fertig sind, fragen wir Collins nach dem DEMF, das mittlerweile nach zahlreichen Umbenennungen Movement: Detroit’s Electronic Music Festival heißt. Teuer sei es geworden, meint er. Als das Festival noch kostenlos war, kamen auch die Kids aus den armen innerstädtischen Bezirken. Das fand man bei Submerge wichtig. Mittlerweile spielten viele Künstler aus Europa, teilweise auch als Headliner auf den Hauptbühnen. Zu den Organisatoren gebe es kaum Kontakt, die kämen aus der Vorstadt und seien vor allem Businessorientiert. Das Festival wächst von Jahr zu Jahr, aber es repräsentiert Detroit und dessen vielschichtige Szene nur noch unzureichend. Bei Submerge konzentriere man sich auf die eigenen Sachen, sagt Collins.

Zum Beispiel wird die lokale Technoprominenz für Solipartys mobilisiert. Einmal im Jahr wird das „Backpack for school children benefit picnic“ auf der Insel Belle Isle im Detroit River veranstaltet, dessen Erlöse an Rucksäcke für Schulkinder gehen. Leute wie Juan Atkins, Moodymann oder die UR-Prominenz spielen da. Und auch dieses Festival wächst.

Natürlich könnte das Line-up unendlich viel länger sein, wenn alle, die den Ruf Detroits als Technostadt geprägt haben, noch hier leben würden. Aber Jeff Mills pendelt zwischen Paris und Chicago, Rob Hood lebt in Alabama, Octave One in Atlanta, und Blake Baxter wechselt zwischen Los Angeles und Berlin hin und her. Doch anders als die DJs und Produzenten aus New York und Chicago sind die Detroiter fast alle noch aktiv. Und sie haben oft den Draht zu ihrer Heimatstadt nicht verloren. So ist Blake Baxter ein- bis zweimal im Jahr vor Ort, um neue Stücke zu produzieren. „Mein Studio ist da und meine Familie“, sagt er. In den achtziger Jahren wohnte Baxter in Downtown. Er hatte eine eigene Etage in einem Bürohaus, hundert Quadratmeter für gerade mal sechshundert Dollar, Strom und Heizung inklusive. „Die Vermieter waren froh, wenn überhaupt jemand in den Häusern lebte“, erinnert er sich. Wie für viele Detroiter war es für ihn eminent wichtig, die Stadt zu verlassen, um ein größeres Publikum zu finden. „Es gab nur eine Handvoll Clubs“, sagt Baxter. Er selbst gehörte zu den wenigen, die sogar eine  r e s i d e n c y  hatten. Bis 1991 spielte er im Majestic Theatre. Dann ging er als DJ auf Tour mit Underground Resistance und blieb in Berlin, um mit Thomas Fehlmann und Moritz von Oswald sein erstes Album  D r e a m  S e q u e n c e  zu produzieren. „Ich habe damals viermal die Woche aufgelegt. Berlin, London, Amsterdam, überall. Meine Mission war: Geld verdienen. Damit habe ich mir ein Studio in Detroit eingerichtet und einen Plattenladen eröffnet.“ Baxter wollte etwas zurückgeben. Knapp sechs Jahre lief der Laden. Aber weil er als DJ dauernd auf Reisen war, konnte er sich nicht so darum kümmern, wie er wollte.

Heute macht Baxter neben seinen Houseproduktionen auch Filmmusik und Soundeffekte für Actionfilme. „Ich bin ja gesegnet mit dem Detroit-Ding hinter meinem DJ-Namen“, sagt er, „und muss darum nicht andauernd neue Sachen auf Beatport raushauen.“ Gleichzeitig leidet er aber auch unter dem Image von Detroit. Man könne nicht mal eben nach Detroit fahren, ein paar abgefuckte Gegenden anschauen und so tun, als würde man das alles verstehen, betont Baxter. Wenn man hier nicht zur Schule gegangen und aufgewachsen ist. Und wenn man eben nicht Afroamerikaner ist. Und: Eine Stadt ist eine Stadt und kein Sound, den man einfach kopieren kann. Am frühen Abend erfahren wir, dass der UR-Manager Cornelius Harris ein Treffen mit Mike Banks arrangiert hat. Wir sollen uns um Mitternacht bei Submerge treffen, von da aus gehe es weiter. Wohin, verrät er nicht. Sehr Underground Resistance, finden wir. Auf dem Weg kommen wir am Bleu vorbei. In dem ehemaligen Kino wollte Dimitri Hegemann Mitte der Neunziger eine Zweigstelle des Tresor eröffnen. Auch er wollte etwas zurückgeben, an die Stadt und die Szene, die lange Zeit ein so symbiotisches Verhältnis mit dem Tresor unterhielt. Einer der ganz wenigen Europäer, wie Mike Banks später erzählt. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt und der lokalen Wirtschaftsförderung hat das Projekt aus organisatorischen Gründen doch nicht geklappt, was heute alle Parteien bedauern. Inzwischen ist hier aber doch ein Club, Paul van Dyk legt auf. Irgendwie auch ein Kreis, der sich da schließt.

DEN PROGRAMMIERERN DIE STIRN BIETEN

Als wir in den Grand Boulevard abbiegen, ertönt im Radio schon wieder „Party Rock Anthem“ von LMFAO. Die Trance-Akkorde, die knarzige Acidline, die Rap-Einlagen – alles auf Anschlag. „Electro“ wird das so ahistorisch wie verallgemeinernd seit einer Weile auch in den USA genannt, es regiert den US-Mainstream. In Las Vegas greifen Trance-Klone wie die Swedish House Mafia oder ATB sechsstellige Gagen ab. Unlängst hat Paris Hilton angekündigt, sie wolle ein Album mit David Guetta aufnehmen, DJ werden und bald die Queen of House sein. Während wir versuchen, die klebrige Hookline von „Party Rock Anthem“ aus unserem Kopf zu bekommen, sinnieren wir darüber, wie es wohl war, Jeff Mills’ oder The Electrifying Mojos legendäre Sendungen im Radio zu hören. Egal wen man von der ersten und zweiten Generation Detroiter Produzenten befragt, alle betonen die im wahrsten Sinne bewusstseinserweiternde, weil herrschende musikalische Zuschreibungen nach „weißer“ oder „schwarzer“ Musik ignorierende Wirkung vor allem von Mojos Sendung.

Mike Banks, ein drahtiger, hochgewachsener Mann, geschätzt Ende vierzig, kommt auf die Minute pünktlich aus seinen Haus und begrüßt uns mit einem festen Händedruck. Zusammen mit Cornelius Harris und einem Freund fahren wir zu einem Diner. Während Banks zwei Hotdogs isst, schimpft er auf die heutige Radiolandschaft. Seit der multinationale Konzern Clear Channel die Kontrolle über die Radiostationen übernommen habe und überall die gleiche, lediglich Stereotypen bedienende Chartsoße laufe, seien die Zeiten, in denen ein mutiger Radio-DJ innerstädtische Kids mit so fremden Klängen wie Kraftwerk oder Telex zum Träumen animieren konnte, endgültig vorbei. Dabei sei es wichtiger denn je, den „Programmierern“ die Stirn zu bieten. Nur: Mut machen die Entwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre nicht. Techno made in Detroit eroberte die Welt, aber zu wenig kam und kommt zurück. Auch aus Europa, sagt Mike Banks – und vergleicht die Situation mit den Jazz- und Bluesmusikern der dreißiger bis sechziger Jahre. Wer es nach Europa schafft, hat ausgesorgt, alle anderen haben gar nichts. Er könne zwar nachvollziehen, warum man Detroit verlasse, aber diese Abwanderung lasse die Stadt ausbluten. Kulturell, musikalisch. Jemand wie Mike Huckaby, der im Rahmen des Youthville-Programms Jugendlichen ab neun Jahren beibringt, mit Reaktor und anderen Musikprogrammen umzugehen und eigene Tracks zu basteln, ist eine Ausnahme. Kyle Hall ist der bisher prominenteste Sprössling dieses Programms. Der Hype, der sich um den Jungspund im vergangenen Jahr entwickelte, wird in Detroit mit gemischten Gefühlen beobachtet. Er soll mehr sein als nur „flavour of the month“. Dass in Detroit nichts los wäre, muss er immer wieder hören, sagt Banks. Wenn wir uns jetzt ein Herz nehmen und auf die Suche gehen würden, ließen sich bestimmt dreißig Partys finden, bei denen alles von Techno über Electro und House bis zu Funk und Soul läuft. Bunt gemischt, wie in Detroit üblich. Da ist es wieder, das Unbehagen gegenüber dem allseits vermittelten Bild von Detroit, das gleichzeitig auch essenzieller Teil des Mythos dieser Stadt ist.

Für den nächsten Tag lädt uns Cornelius Harris in den Highland Park in Midtown ein, wo am Samstagnachmittag ein Picknick mit Konzert und DJs veranstaltet wird. Als wir am frühen Abend ankommen, haben wir das Gefühl, bei einem großen Familienfest zu sein. Frauen verkaufen selbst gebackenen Kuchen, Kinder spielen auf Decken, Rentner sitzen auf Campingstühlen. Wir sind die einzigen Weißen, bis auf eine kleine Gruppe Hippies. Technotouristen wie wir, wie wir später herausfinden. Auf der Bühne stehen Timeline, eine UR-Band. Später soll unter anderem Juan Atkins auflegen. Mike Banks hält sich mit seinem Keyboard am Rand, der Star ist der Saxofonist, der in der Mitte steht und zu UR-Klassikern improvisiert. Als Timeline zum Ende ihres Sets eine angejazzte Version von „Knights Of The Jaguar“ spielen, beginnen drei Detroiter Generationen zu tanzen. Ein grauhaariger älterer Herr mit wenigen Zähnen fordert uns lachend auf mitzutanzen: „Come on guys, you can do it!“

 

Felix Denk und Sven von Thülen stellen gerade ihr Buch über Techno in Berlin fertig:
D e r  K l a n g  d e r  F a m i l i e  soll im März 2012 im Suhrkamp Verlag erscheinen.