Text: Arno Raffeiner, Foto: Timothy Saccenti
Erstmals erschienen in Groove 128 (Januar/Februar 2011)

Teil eins | Teil zwei

Jaar spricht von „Liedern“, wenn er über seine Produktionen redet, von „Konzerten“, wenn es um die Auftritte mit seinem Liveset geht, als DJ spielt er nur in Ausnahmefällen und nur in Rhode Island. Trotzdem, für ihn gilt grundsätzlich: Alles kann Tanzmusik sein (als Beispiel führt er gerne die Beatles an), und wozu man sich nicht bewegen kann, das interessiert ihn auch nicht. „Was ich an Clubmusik lieben gelernt habe, ist das Tanzen. Ich will niemals ein Konzert spielen, bei dem sich die Leute hinsetzen. Was ich nicht mag, ist, dass das Ganze eine sehr soziale Angelegenheit ist. Dadurch wird die Musik zu bloßem Hintergrund. Für DJs mag das in Ordnung sein, aber ich versuche, ein Konzert zu spielen, die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen und auf kleinste Details zu lenken. Bei einer Liveshow versucht man, etwas auszudrücken, zumindest versuche ich das. Es muss irgendeine Reaktion geben, das ist wichtig.” Darum muss Jaar sich sich wohl die wenigsten Sorgen machen. Reaktionen gibt es zuhauf, selbst wenn es nur ein wütendes „Mach ma schneller!” ist, wie bei seinen eher auf Unverständnis gestoßenen Auftritten vor italienischem Publikum, von denen Jaar trotzdem nicht ungern erzählt. Einfach nur als belanglose Hintergrunddekoration abgenickt zu werden, das wäre für einen Musiker und Performer von dieser Sorte viel schlimmer.

GESTAUCHT, GESTRECKT, GESTREICHELT

Der etwas anmaßenden Haltung, im Club gefälligst alle Aufmerksamkeit für sich haben zu wollen, widerspricht andererseits der fast wegwerfende Gestus, mit dem Jaar über seine bisher größten Hits spricht. „Diese drollige, alberne spanische Musik von ‚El Bandido‘ und ‚Mi Mujer‘, die recht schnell und tanzbar ist, wollte ich verlangsamen. Bei ‚Time For Us‘ haben die Leute dann von Disco oder Leonard Cohen gesprochen, und ich dachte nur: Wie bitte?! Alles, woran ich bei ‚Time For Us‘ denke, ist die Tatsache, dass es langsamer wird. Ich habe den Song gemacht, damit er langsamer wird, Punkt.“

Im Vergleich zu gängiger Gebrauchsware für den Club können manche von Jaars Stücken recht anspruchsvoll erscheinen. Aber er arbeitet schnell – ein Song ist in maximal fünf Stunden fertig, behauptet er –, mag schlichte Ideen und vergleicht seine Musik mit dem Klavierminimalismus eines Erik Satie: „Ich bin nicht an komplizierter Musik interessiert. Mich interessieren die komplizierten Aspekte von einfacher Musik. So wie bei Satie. Er macht wirklich simple Sachen, mit nur zwei Noten, aber das haut mich um. Ich liebe es.“

Ein Stück wie „Tribute To My Mother“, im November auf der Compilation  I n è s  auf Jaars eigenem Label Clown And Sunset erschienen, auf dem er nur „junge Leute, die eigenartige Musik machen” veröffentlicht, beginnt tatsächlich wie Satie in Zeitlupe. Aber das allein würde Jaar noch nicht reichen. Deswegen schmiegen sich zusätzlich Kontrabass, elektrisches Zirpen und Billie-Holiday-Gesang in die weiten Räume zwischen den Klaviernoten. Jaar macht seine Eingriffe ins Material nachvollziehbar: Immer wieder gibt es schleifende Sounds, die das Modulieren an sich in den Mittelpunkt stellen, man hat den Eindruck, den Klängen dabei zusehen zu können, wie sie morphen und dahinschmelzen. Die originalen Klangquellen werden dabei aber nicht komplett auseinandergenommen, sie erscheinen bloß in neuem Licht, umzärtelt von den Händen eines Liebhabers, der gerne manipuliert und dominiert, sich aber nie zu dreist oder respektlos gebärdet. Einer von der Sorte: Ich weiß genau, das gefällt dir! Wenn so einer später von Eroberungen und Abenteuern erzählt, unterstreicht er jedes Detail seiner Geschichten mit ausladenden Armbewegungen. Beim Interview in Berlin wird Jaar der Platz im kaum besuchten Hotelrestaurant fast zu knapp, wenn er seine Vorträge über die abstrakten Hintergründe seines Schaffens hält. Man ist versucht, die Gesten auf seine Musik zu übertragen: auf die raumgreifende Art und Weise, in der seine Lieder sich nicht nur mit reicher Instrumentierung und ausgesuchten Stilzitaten, mit großer Dynamik und der Gestaltung jedes sich darbietenden Frequenzschnipsels begnügen, sondern auch auf meist als unberührbar geltende Parameter wie das Tempo zugreifen. Musik wird hier von mehreren Seiten gestaucht, überallhin gestreckt, natürlich auch gestreichelt, ohne dabei je wie trockene Musiktheorie oder Eigenbrötlertum daherzukommen. Blitzgescheit zwar, das lässt Jaar Hörer und Tänzer allzeit spüren, aber nicht elitistisch.

Wenn es etwa um die Auswahl von Kandidaten für seine Edits geht, zeigt Jaar keine Scheu vor populistischen Entscheidungen. Da ist er sich für keine wohlbekannte Nina-Simone-Strophe, keine „Blue Monday“-Bassline, kein „Why Did You Do It?” von den Funk-Rockern Stretch und für keinen Schenkelklopferrhythmus zu schade: „Love Potion No. 9” lässt er wie ein Rodeopferd im Humptata-Beat galoppieren. Eine Reihe dieser Edits streute Jaar vor Kurzem via Gratis-Download unters Volk, auf dass sie alle hören, gebrauchen und dazu tanzen mögen. Die exklusive Geheimwissenschaft zur Aufhübschung des eigenen Live-Portfolios interessiert ihn nicht besonders, zumindest nicht auf Dauer. Stattdessen wünscht er sich, dass mehr Menschen Dave Brubek hören, wenn er dessen Jazzpiano via Edit schon in den Club holt. Vor über zwei Jahren stellte Jaar auch eine Version von „Billy Jean” ins Netz. Der Abgenudeltheit des Songs gewinnt Jaar eine ungeahnte Emotionalität ab. Michael Jacksons Gesang ist völlig neu zu entdecken: dieser Schmerz in seiner Stimme! Dabei wird das große Dilemma – „she says I am the one, but the kid is not my son” – überaus sparsam inszeniert, vor leisem, melodiösem Geplucker; die berühmte, wuchtige Bassline, ohne die bisher kaum eine Neuversion denkbar war, ist nicht mal mehr als Erinnerung vorhanden.

BÜCHER IM KÜHLSCHRANK

Zeit für noch mehr philosophische Begriffe. Sein erstes Album, das nun beim Pariser Label Circus Company erscheint, wollte Nicolas Jaar ursprünglich nach dem französischen Wort für das Sein benennen: Être, allerdings ohne das erste E. Unter dem Dach, den der Zirkumflex bildet, wäre eine Leerstelle geblieben, so offen und luftig wie der Freiraum, den Jaar zwischen seinen Metrumschlägen lässt: ˆtre. Allerdings wäre das auch kaum auszusprechen gewesen. Das erste und das letzte Stück heißen nun so, das Album selbst ist nach einer von Jaars Raum-Zeit-Theorien benannt:  S p a c e  I s  O n l y  N o i s e  . Im Produktionsprozess schwankte er lange zwischen sehr intimen, zurückgenommenen Stücken, die nun den Kern des Albums ausmachen, und einer größeren Zugänglichkeit. Damit sei nicht einfach Tanzbarkeit gemeint, es sollte nur nicht zu intim und hermetisch zugehen, nicht zu arrogant rüberkommen, wie Jaar lachend am Telefon erklärt. Er ist in Providence, Rhode Island gerade dabei, die Arbeit an den letzten Stücken abzuschließen – immer abends, wenn für die Uni alles erledigt ist.

 S p a c e  I s  O n l y  N o i s e  stolziert provokant leise daher. Kopfhörertanzmusik. Im Vorfeld hatte Jaar immer wieder die Hiphop-Einflüsse hervorgehoben und erzählt, er habe einige Rockstücke aufgenommen. „Aber das Interessante daran ist, dass es von nichts zu viel gibt“, sagt er, „das wird manche Leute vielleicht abschrecken. Wenn man bestimmte Stücke hört, wird man Hiphop spüren, aber nicht direkt sagen können, dass sie per se von Hiphop beeinflusst sind.” Das kommt hin. Die Quellen sind bekannt, aber sie werden, wie es sich für einen Literaturwissenschaftler gehört, quergelesen. Bei Charts-Rap und R&B hat Jaar die knackigen, manchmal krass bearbeiteten Claps abgeholt, die das mitunter lose und intuitiv zusammengefügte Klangmaterial aufeinandernageln. Oder das MPC-Jazz-Solo am Ende von „Keep Me There” hört sich an, als würde Schlangenbeschwörer Madlib seine Weltgeist-Samples aus dem Klangkorb locken. Man findet in den Stücken auch dieselben Qualitäten wieder wie in der „Billy Jean“-Interpretation von 2008. Wenn Jaar etwa an einem Zeitgeist-Plastikpop-Gimmick wie Autotune herumspielt, entdeckt man auch dort plötzlich eine ungewohnt neue, kreative Ader. Auf dem Albumstück „Variations” führt er vor, wie sich aus einem gesprochenen Text mit dem längst ausgereizten Verchromungsffekt der Stimme ein eigentümlicher Singsang holen lässt, wie sich mit Mainstream-diskreditierten Mitteln lyrische, emotionale Qualitäten hervorkitzeln lassen.


Video: Nicolas Jaar feat. Will Epstein and Dave HarringtonVariations (Live)

„A New World” ist der sprechende Titel des Kunstwerks, das Nicolas Jaars Vater Alfredo für das Cover-Artwork zur Verfügung stellte. Die weiteren Bilder zur Einordnung des Debütalbums in sein bisheriges Werk liefert der junge Herr erwartungsgemäß selbst. Und sie passen, gerade weil sie sich ein wenig ins Poetische, auch ins Pathetische versteigen: „Was ich in der Vergangenheit veröffentlicht habe, ist Lava. Aber die stammt aus einem Vulkan, und nun versuche ich, den Leuten zu zeigen, wie der Vulkan aussieht, damit sie verstehen, wo ein Song wie ‚Time For Us‘ eigentlich herkommt.” Oder er erinnert sich an einen Film über Slavoj Žižek, den slowenischen Theorieberserker aus seinen Philosophie-Charts. Der führt in der Doku das Kamera-Team in seine Küche, zieht eine beliebige Schublade auf und genießt stolz den folgenden Heureka!-Moment. Guckt mal: Socken, in der Küche! Da seht ihr, wie verrückt ich bin! Bei mir stoßt ihr in jeder Ecke auf das Unerwartete! „Ich wünsche mir, dass mein Album genauso funktioniert“, sagt Jaar, „du denkst, du machst deinen Kühlschrank auf – und dann findest du drinnen nur Bücher.“

Ein Bild fehlt allerdings noch: Nicolas Jaars perfektes Beispiel für seine Theorie-Musik-Transformationen, das er beim Gespräch in Berlin so selbstbewusst angekündigt hat. Es ist fast ein bisschen schade, dass es im Hotelrestaurant nur so wenig Publikum für den nun folgenden Monolog gibt. „Der griechische Autor Nikos Kazantzakis schreibt in seinem autobiografischen Roman ‚Rechenschaft vor El Greco‘ darüber, wie er als Kind vor einem Eimer voll mit Wasser und Kirschen stand. Im Eimer sahen die Kirschen viel größer aus, weil das Wasser die Dinge größer erscheinen lässt. Er nahm also eine Kirsche, schloss seine Augen und steckte sie sich in den Mund: Dort war sie immer noch riesig. Es geht also darum, sich die Kirschen größer vorzustellen, als sie in Wirklichkeit sind. Ich mag die Idee, dass man dasselbe mit Musik erreichen kann. Denn im Grunde ist alles schon gemacht worden, jede einzelne Geigenphrase wurde schon komponiert, ob von Avantgardemusikern oder Beethoven, Mozart, Wagner. Es muss jetzt also darum gehen, diese Phrasen in eine andere Atmosphäre zu übertragen – so wie die Kirschen im Wasser – und sich anzusehen, wie sie sich im Kontext mit anderen Dingen wandeln. Ich will den Kontext, den Raum, die Architektur rund um meine Instrumente verändern. Das ist vielleicht ein bisschen idealistisch, aber die Instrumente sollen so zu etwas anderem werden, zu einer größeren Kirsche.“ Ob diese größere Kirsche dann auch besser schmeckt? Das ist vermutlich ein philosophisches Problem. Oder vielleicht eine Glaubensfrage.