Text: Numinos, Fotos: Ragnar Schmuck
Erstmals erschienen in GROOVE 132 (September/Oktober 2011)

Schon mit ihrem Debütalbum  H e l l o  M o m  !  bekamen Gernot Bronsert und Sebastian Szary alias Modeselektor den Pass zur musikalischen Grenzüberschreitung zwischen geraden und gebrochenen Beats ausgestellt. Wie man den musikalischen Transit von 4-to-the-Floor zu verfrickelten Dopebeats vollzieht, ohne sich von explosiven Klangkomponenten zu trennen, haben wir anlässlich ihres dritten Albums  M o n k e y t o w n  hoch über den Dächern Berlins erfahren.

In einem der obersten Stockwerke eines Büroturms im Ostteil der Stadt haben Gernot Bronsert und Sebastian Szary einen ebenso exklusiven wie abgeschiedenen Ort für ihr Studio gefunden. Hier konnten sie sich ganz der Fertigstellung ihres dritten Albums widmen. Die Räume haben die beiden von Daniel Bell übernommen, sie waren akustisch vollständig gedämmt. Eigentlich ideal, könnte man meinen – tatsächlich aber klanglich eher von Nachteil. „Als wir hier reinkamen, war der Raum voll mit Absorbern“, erzählt Bronsert. „Da dachten wir zuerst: Boah, das sieht ja super aus – wie in einem professionellen Studio.“ Schnell aber hätten sie gemerkt, dass das Studio totgedämmt war und einfach nicht mehr klang. Szary berichtet, dass die beiden Produzenten deshalb zunächst säckeweise Glaswolle aus den Absorbern entsorgen mussten. Nach dieser aufwendigen Arbeit sei letztlich nur noch ein kritischer Bereich zwischen 74 und 78 Hertz übrig geblieben, in dem der Raum Frequenzen schluckt. „Das ist wirklich unglaublich, wenn man sich das auf dem Analyzer anschaut“, sagt Szary: „Wie ein extrem schmalbandiger Filter.“ Die beiden haben aber nach eigener Aussage schon ein Konzept, um diesem akustischen Phänomen mit Helmholtz-Resonatoren zu begegnen.

 

 

Dass Modeselektor mit ihrem dritten Album  M o n k e y t o w n  an den Punkt gekommen sind, sich mit solchen klanglichen Feinheiten zu beschäftigen, spiegelt die technische Evolution der beiden wider – den Drang, sich von Album zu Album weiterzuentwickeln. „Wir haben da – leider oder zum Glück, wie man’s nimmt – einfach nicht mehr die Unbedarftheit wie früher“, sagt Bronsert. Das erste Album habe man noch auf Boxen produziert, die man bei Szary im Hausflur gefunden hat. „Die Phase, in der wir Tracks einfach so assi hingerotzt haben, hat mit Moderat ihr Ende gefunden“, berichtet Bronsert weiter: „Ab da haben wir uns viel mehr Gedanken über Outboard, Klang und Kompression gemacht.“ Als Beispiel nennt er die Abhörmonitore: „ M o d e r a t  haben wir ja bei Apparat komplett auf Genelecs (1038, Anm. d. A.) gemacht. Danach konnten wir nicht mehr auf anderen Boxen arbeiten, das ging dann auf einmal nicht mehr.“

Das Streben nach klanglicher Perfektion beim aktuellen Album findet seine Fortsetzung beim Mastering. Dafür haben Modeselektor den Profi Bo Kondren von Calyx-Mastering für tontechnische Supervision hinzugebeten. „Das nimmt einfach total viel Druck raus, wenn man noch mit der Mischung kämpft, und es gibt jemanden, der einem sagt: ‚Mach dir keine Sorgen, ich garantiere dir, dass die Nummer am Ende gut wird’“, erzählt Bronsert. Und Szary ergänzt, dass besonders die persönliche Betreuung ein entscheidender Faktor war: „Das war schon ein geiler Service: Da kommt man völlig fertig aus dem Studio, und jemand nimmt sich die Zeit, erst mal richtig aufwendig für einen zu kochen, mit fünf Sorten Senf und frischem Parmesan. Beim Essen haben wir uns zunächst auf der Anlage von Bo eingehört und dann alle Songs bis morgens um fünf analysiert und bewertet, um die Richtung zu bestimmen, in die das Mastering am Ende gehen soll.“ Szary räumt ein, dass es zwar toll sei, dass man direkt aus einer Digital Audio Workstation (DAW) bei einem Onlinelabel veröffentlichen könnte. Gleichzeitig bleibe dabei aber auch viel auf der Strecke: „Bassdrum-Tuning zum Beispiel. Wenn man das Mastering auslässt, ist das eine vergebene Chance, dass einem jemand auf die Sprünge hilft und sagt, wenn da etwas nicht stimmt.“

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