Text: Carlos de Brito & Jonas Gempp, Foto: Steven Straiton
Erstmals erschienen in GROOVE 132 (September/Oktober 2011)

Teil eins | Teil zwei

Die Erwähnung des Namens „Ushuaïa“ löst auf der Insel unterschiedliche Reaktionen aus. Einige reagieren ungehalten und sehen das Hotel als Speerspitze einer Entwicklung, die sich schon lange von den Hippie-Ursprüngen entfernt habe und sich vielmehr an Saint-Tropez oder South Beach orientiere. Den meisten jagt der Name jedoch Ehrfurcht ein: „Wow, ihr seid im Ushuaïa untergekommen?“ Mitunter wollen auch Wildfremde ein Erinnerungsfoto. Das „The Superstar“-Bändchen erfüllt seinen Zweck, so viel ist klar. Aus Berlin kommend ist man sowieso gern gesehener Gast. Sei es für den alles Mögliche vertickenden Mittfünfziger, der die Väth’sche Parole kennt („So, you’re from Germany? Ah! Gudé launé, amigos!“), sei es im Club, besonders im Backstage-Bereich. Ein beeindruckender Anteil der Nachtleben-Erprobten, die man hier trifft, lebt bereits in Berlin oder plant zumindest, demnächst an die Spree zu ziehen. Nur das mit dem Wetter ist in Deutschland natürlich ein Problem. Wohl wahr, dieses Problem hat Ibiza nicht. Immer gutes, pardon: bestes Wetter, Amigos.

Die Insel schwelgt selbstgewiss in Superlativen: Alles ist das Beste. Nach Lektüre der saisonbegleitenden Magazine – das Spektrum reicht vom kompakten  P a r t y s a n  über die Ibizaausgabe des englischen  D J  M a g  bis zu den hochwertig anmutenden Lifestyle-Heften von Amnesia und Pacha – weiß man nicht mehr genau, welches denn nun die besten Clubs der Welt sein sollen und wer denn nun eigentlich der beste DJ der Welt ist. Mindestens die Hälfte von ihnen hat jedoch Gott- oder zumindest Gurustatus. Den monströsen Partys steht die sprachliche Beschreibung in nichts nach: Superstar, Superlativ und Inselmythos sind essenzielle Bestandteile der Umsatzmaschine Ibiza.

Keiner hat das so perfekt erkannt und darauf reagiert wie >David Guetta. Mittlerweile ist David und Cathy Guettas Partyreihe „F*** Me, I’m Famous“ fast noch populärer als die Megaclub-Marken Space, Pacha und Amnesia mit ihren angeschlossenen Franchiseläden, Restaurants und Tabledance-Bars, die je nach Lesart das Beste oder das Ausverkaufteste sind, was die Insel zu bieten hat. Spätestens aber, wenn man die Kinder-Schwimmflügel mit dem Aufdruck „F*** Me, I’m Famous“ im Schaufenster sieht, fragt man sich schon mal, ob der blinde Verwertungswahn nicht vielleicht doch Grenzen haben sollte. Der Übergang zwischen  C e l e b r i t y –  orientiertem Mainstream und Underground ist jedenfalls fließend: So geht der Pokal für die Inselhymne der Saison skurrilerweise indirekt an Moodymann. Dessen gemurmelte  s h o u t – o u t s  während seiner DJ-Sets („Y’all having a good time?“) als Sample in Oliver $s „Doin’ Ya Thang“ sind nicht nur überall und mehrfach täglich zu vernehmen. Über diesen Umweg ist der enigmatische Detroiter Produzent auch noch auf der diesjährigen „F*** Me I’m Famous“-Mix-CD von David Guetta gelandet.

 


Stream: Oliver $Doin‘ Ya Thing

 

Alternativen abseits der großen Clubs gibt es aber auch auf Ibiza. So feiert etwa das nahe San Antonio gelegene Zoo Project in einem alten Tierpark, und bereits am Eingang müssen wir die Kamera gegen eine Gebühr von drei Euro abgeben. In dem ehemaligen Zoo bekommen junge Briten – überwiegend in knapper Tigerprint-Kleidung oder mit Leopardenmuster angepinselt – dank Ray Okpara einen Eindruck davon, dass Techno durchaus auch ohne dramatische Flächen Spaß machen kann. Auffällig ist trotz der omnipräsenten Körperbetonung, dass die Stimmung angenehm wenig sexualisiert ist. Dank der allgegenwärtigen Tellerpupillen und der durchweg friedlichen Stimmung fühlt man sich fast ein wenig an die Techno-Neunziger in Deutschland erinnert. Das Space, gleich gegenüber des Ushuaïa-Hotels, wagt sich mitunter sogar an Dubstep und HipHop und trumpft insbesondere bei den „Kehakuma“- oder den „We Love“-Nächten mit Bookings auf, die man problemlos auch in der Panorama Bar, der Roten Sonne oder im Robert Johnson verorten könnte. Als wir den beiden Partys einen Besuch abstatten, feiern über den Tag verteilt bis zu achttausend überwiegend junge Raver auf sechs verschiedenen Floors zu Künstlern wie Ben Klock, Marcel Dettmann, Maya Jane Coles und dem ungekrönten König der Insel, Jamie Jones (bei Kehakuma) sowie zu Carl Craig, Simian Mobile Disco oder den Hot-Chip-DJs Felix und Al (bei We Love).

Montag geht es dann abschließend ins DC10. Dank Circo-Loco-Booker Elliot James Shaw sind wir schnell im Backstage-Bereich. Und bekommen von da aus eine Führung durch den Club, die auf der Terrasse in der DJ-Kanzel endet. Dort legt gerade Timo Maas auf – und schafft es, einen doch recht durchgepeitschten P.Diddy zu euphorischschwitzigen Tanzakrobatiken zu animieren. Doch man darf sich vom prominenten Namen nicht täuschen lassen. Der Club hat so gar nichts vom glamourösen Gewese, sondern er ist dunkel, im Hauptraum fast schon düster und mit einem Subbass ausgestattet, der vorhöllenartige Gefühle in der Magengegend erzeugt. Das erste Mal haben wir hier das Gefühl, dass wir es nicht mit dem selbstreferenziellen Inselautismus zu tun haben, sondern mit einem exzessiven und vor allem wenig elitären Fest. Selbst Skin von Skunk Anansie tanzt begeisterten Blicks durch den Hauptraum. Beste Party! Ein Großteil der Meute zieht danach weiter ins Amnesia zur Cocoon-Party – nach wie vor eine Bastion auf der Insel – und danach gegebenenfalls und mit etwas Glück wiederum weiter zur Afterparty im kleineren Kreis. Oder aber man schläft aus und gönnt sich einen ruhigen Tag auf der Nebeninsel Formentera. Doch auch hier lockt schon der nächste Rausch: Mit „Cocoon Heroes“ im Tipic Club etabliert sich gerade die nächste Partyreihe auf der Insel. Selbst hier macht der ibizenkische  s p i r i t  keine Rast: The rave must go on.