Die texanische Hauptstadt Austin gilt als liberale Insel in jenem amerikanischen Bundesstaat, der in Europa noch immer gerne vor allem mit Cowboys, Ölbaronen und George W. Bush verbunden wird. Die von Studenten geprägte Stadt wird wegen ihrer alternativen Kulturszene auch  w e i r d  c i t y genannt und richtet einmal im Jahr mit South by Southwest (SXSW) das wichtigste Independent-Musikfestival der USA aus. Nur auf der Bassmusik-Weltkarte war Austin bisher mehr oder weniger ein blinder Fleck. Der gebürtige Iraner Shawhin Izaddoost alias VVV ist nun mit seinem Debütalbum  A c r o s s  T h e  S e a  (Fortified Audio, VÖ: 21.11.2011) angetreten, um diesen Zustand zu ändern. Der Titel gibt bereits einen Hinweis auf die Ausrichtung der Platte: Nicht Südstaaten-Rap, Crunk oder andere Genres aus der Region sind VVVs wichtigste Bezugspunkte. Vielmehr schlägt er eine Brücke über den großen Teich nach Großbritannien – zu Dubstep, dessen Nachfolgestilen und vor allem zu 2-Step. „Future Garage“ wurde das, was VVV macht, vor einer Weile getauft. Gemeint ist die Wiederbelebung von 2-Step und UK-Garage, die mit Burial ihren Anfang nahm und heute unter anderem von SBTRKT, Sepalcure, Falty DL oder Synkro vorangetrieben wird. Eine Art Blaupause für Future Garage stellte Joy Orbisons Konsens-Hit „Hyph Mngo“ dar, dessen euphorische Stimmung viele Produzenten seitdem nachzubilden versuchen, indem sie ihre Stücke mit verwaschenen Synthesizer-Flächen zukleistern. Dieser Falle entgeht VVV jedoch souverän: Bei ihm löst sich nicht alles in Wohlklang auf, stattdessen haben auf seiner Platte auch irritierende Klänge ihren Platz. Für „Duration Of Light“ verwendet er etwa Time-stretching-Effekte, die an die extrem verlangsamten ( c h o p p e d  a n d  s c r e w e d ) HipHop- und R’n‘B-Tapes aus Houston erinnern. „Under Control“ bekommt durch Bleeps und grummelnde Synthesizer eine beunruhigend düstere Note. Mit „Aisle Seat“ und „Retreated“ sind VVV dazu zwei richtige Hits gelungen, deren DNA wiederum vom New Yorker Garagehouse der neunziger Jahre geprägt ist. Auch die auf der Platte allgegenwärtigen Gesangsschnipsel erinnern stark an das Markenzeichen des New Yorker Houseproduzenten Todd Edwards. Womit VVVs musikalischer Ausflug über den Atlantik am Ende doch wieder einen Bogen zurück zum amerikanischen Ufer schlägt.


Stream: VVVAll That We’ve Been Trough

 

Ein anderer Produzent, der oft mit Future Garage in Verbindung gebracht wird, ist der Londoner Jack Stevens alias Sully. Der Zusatz „Future“ passt in seinem Fall nicht wirklich, da Sullys bisherige Veröffentlichungen meist nostalgische und wenig zukunftsorientierte Variationen von 2-Step-Vorbildern darstellten. Sein Album  C a r r i e r  (Keysound) überrascht nun mit einem Stilwechsel. Es beginnt mit „It’s Your Love“, einem typischen Track für Sullys „alten“ Stil: ein hervorragend produziertes Stück düsteren 2-Steps, das aber auch von einer alten Horsepower-Productions-Single stammen könnte. Darauf folgen zwei weitere 2-Step- und UK-Funky-Stücke sowie das bereits zuvor erschienene „Toffee Apple“, das Zomby‘eske Synthesizer und Breakbeats kombiniert. Danach beginnt eine ganz neue Platte, die durchgehend dem Chicagoer Phänomen Footwork gewidmet ist. Anders als anderen (nicht aus Chicago stammenden) Produzenten wie Machinedrum oder Kuedo, die sich in diesem Jahr mit den wirbelnden Footwork-Beats beschäftigten, gelingt Sully dabei keine überzeugende, eigenständige Interpretation. Und so bleibt dieses handwerklich hervorragende, aber seltsam schizophrene Album am Ende nur Stückwerk.


Stream: SullyLet You

 

Eine andere Variante von Bassmusik hat Joris van Grunsven aus Utrecht entwickelt. Sein seltsamer Künstlername lautet Krampfhaft und löst schaurige Assoziationen an Jumpstyle-Tänzer, quietschende Dutchhouse-Synthies und andere Grausamkeiten aus den Niederlanden aus. Glaubt man Discogs, dann hat van Grunsven in den späten Neunzigern knallharten Acidtechno produziert, seiner heutigen Musik ist zumindest die Kompromisslosigkeit von damals geblieben. Den Titel der EP  M a k i n ’  M a g i c  (Rwina) hat er dem Song „The Boss“ von Gangster-Rapper Rick Ross entliehen und für den gleichnamigen Titeltrack die Zeilen „I don’t make love, baby / We makin’ magic“ gesampelt. Drumherum hat Kramphaft eine wunderschön kitschige Plastik-Soul-Nummer mit Dubstep-Beats gebastelt, die den sanftesten Part der EP bildet. Die anderen drei Stücke verbinden Elemente von Bubbling (dem holländischen Äquivalent zu Grime), Wonky, Footwork und UK Funky zu einer kunterbunten Mischung. Ziemlich überdreht ist diese EP, aber ein selbstbewusstes Statement eines Produzenten, der seine eigene Stimme gefunden hat.


Stream: KrampfhaftMakin‘ Magic EP (Snippet)