Als 2007 das erste Anstam-Vinyl in den Plattenläden auftauchte, war das Projekt auf Anhieb von einer geheimnisvollen Aura umgeben. Auf den schwarzen Labels der Single waren außer „Anstam“, dem Titel „Aeto“ und der Katalognummer A-MS 01 keine weiteren Informationen zu finden. Auch sonst ließ sich nicht mehr über den oder die Urheber erfahren – die Anstam-Myspace-Seite etwa war ebenso spärlich gestaltet. Alleine der Umstand, dass die Scheibe von Hard Wax vertrieben wurde, legte die Vermutung nahe, dass das Projekt dem Umfeld der Berliner Plattenladeninstitution angehören könnte. Die beiden namenlosen Stücke von „Aeto“ machten die Mythenbildung perfekt: Mit Hilfe von brachialem Noise und messerscharf modellierten Beats wurde auf der Platte der Londoner Dubstep-Cousin Grime derart unerhört auseinandergenommen, dass die Platte vor allem in Großbritannien auf großes Interesse stieß.

In das schwarze Loch rund um Anstam fiel erst allmählich etwas mehr Licht. Nach zwei weiteren, genauso düster-abstrakten Singles stellte sich 2009 beim ersten Auftritt von Anstam als Live-Act heraus, dass es sich um ein Brüderpaar handelte. Inzwischen besteht das Projekt nur noch aus einer Person, dem in Berlin lebenden Produzenten Lars Stöwe. Stöwe hat Medienkunst studiert, und dieser Hintergrund macht sich auch beim ausgeklügelten Konzept von Anstam bemerkbar. Dazu gehört neben der anonymisierten Identität auch die Veröffentlichung der Platten in Serien. Die Titel der drei schwarzen Anstam-Singles begannen jeweils mit den Buchstaben A, B und C, genauso wie die Namen der drei in diesem Jahr beim Modeselektor-Label 50 Weapons erschienen Stücke. Mit  D i s p e l  D a n c e s  (man beachte das doppelte D, Anm. d. A.), so Stöwe vor Kurzem in einem Interview, sei diese Serie nun abgeschlossen.

D i s p e l  D a n c e s  ist jedoch auch ohne konzeptuellen Überbau ein bemerkenswertes Album, das eine überzeugende musikalische Weiterentwicklung dokumentiert. Die strenge, industrielle Kälte der Singles ist einem volleren und vielfältigeren Klangbild gewichen. Die Grundlage von Stöwes Musik bilden aber weiterhin die komplexen, ständig wechselnden Rhythmen, die aus den verschiedensten Tonquellen zusammengesetzt sind. Sie bestimmen die Dramaturgie der einzelnen Stücke, die weniger Tracks als vielmehr vielschichtige Kompositionen sind und über das gesamte Album hinweg eine zusammenhängende Geschichte erzählen. Irgendwo zwischen Post-Dubstep, Techno im Geiste von Monolake und Sleeparchive, IDM und Industrial hat sich Lars Stöwe mit diesem Album eine ganz eigene Nische eingerichtet.

 


Stream: AnstamDispel Dances (Preview)