Allein das Artwork: Ein in Grüntöne getauchtes Negativ einer Fotografie, das ein sich in den Armen haltendes Paar zeigt, vor einer Brandung. Klingt arg romantisch, ist es aber nicht. Denn durch die negative Verkehrung wird das liebende Paar aus der Landschaft ausgeschnitten und so aus seiner Umwelt entfernt. Einen ähnlichen Fallstrick legt Rachel Evans auf ihrem zweiten Album für das großartige Label Digitalis (dessen Veröffentlichungen man übrigens nur auf Vinyl, dafür aber mit beigelegter CD erwerben kann) auch musikalisch. Mit seinen sanft im Arpeggio schaukelnden Synthies und den ätherischen Chören legt der erste Track noch nahe, man befinde sich hier inmitten des Fahrwassers aktueller New-Age-Revivals. Auch die späteren 4AD-Momente, mit ganz langsamen Twang-Gitarren und völlig entrücktem Gesang, sowie die sanft sphärischen Drones schaffen eine kosmisch-liebliche Oberfläche. Doch darunter verbirgt sich ein großes Schmerzensalbum. Denn Evans löst die Versprechen ihres Sounddesigns nicht auf, sie verfolgt ein freies, gebrochenes Songwriting. Man sehnt sich geradezu nach melodiösen, eingängigen Momenten, nach den Mechanismen der Popballade. Die aber verweigert Evans konsequent. Und so kann einem dieses Album trotz oder gerade wegen seiner Sanftheit ganz schön an die Nieren gehen. Natürlich im besten Sinne.


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