Text: Arno Raffeiner, Foto: Richard Bellia
Erstmals erschienen in GROOVE 123 (März/April 2010)

Teil eins | Teil zwei | Teil drei

Rasante Arpeggien perlen von der Betondecke der Sucrière in Lyon, werden von unverputzten Säulen gegen harte Schlagzeug-Beats und Synthesizerfanfaren geworfen. Nach fünf fulminant abgefeuerten Aufgang-Stücken stockt die Maschine wieder, diesmal aber ganz nach Plan. Ein hörbar atemloser Rami Khalifé greift zum Mikrofon und macht eine im doppelten Sinne programmatische Ansage. Er erläutert das bisherige und das im zweiten Teil noch bevorstehende Repertoire des Abends, und er verortet mit diesem Ritus das Konzert in einem quasi kammermusikalischen Rahmen. Gerade hier, in einer weitläufigen ehemaligen Fabriketage, eigentlich wie gemacht für einen der ursprünglichen Momente der Rave-Kultur, mittlerweile in einen Ort für den Dialog von Positionen moderner Kunst verwandelt, an dem an diesem Abend ein durchaus gemischtes, tendenziell eher nicht mehr so junges Publikum vor der Bühne steht wie bei einem Rockkonzert, sich seine Gefühlsausdrücke aber vornehm für die Pausen zwischen den Sätzen aufspart: So kann eine Aufgang-typische Verkettung von Irritationen und Kontextverschiebungen aussehen.

An einer Verortung ihrer selbst innerhalb dieser zum Fließen gebrachten Verhältnisse sind Aufgang allerdings nicht im Geringsten interessiert. Sollen andere sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man ihre Musik etikettieren könnte, an welches Publikum sie gerichtet sein mag, an welchen sozialen Orten sie stattfinden sollte. Trotzdem haben die drei einen passenden Begriff zur Hand, den wiederum Tristano ins Spiel bringt: „Wir nennen das nicht ‚Fusion‘, das bedeutet in unserer Vorstellung etwas anderes. Wir nennen es ‚Hybrid‘. Es ist hybride Musik für ein hybrides Publikum.“ Eine Erkenntnis, die für jedes denkbare Publikum bedeutet, dass man mit Aufgang neue Erfahrungen machen und gleichzeitig bekannte Dinge auf andere Weise wiederentdecken kann. Eins der dringlichsten Stücke ihres Debütalbums etwa ist „Sonar“, benannt nach dem ursprünglichen Aufgang-Moment beim gleichnamigen Festival in Barcelona. Es ist zugleich auch eines der repetitivsten und könnte mit seinem monotonen Klaviergehämmer, also seinen von Hand gespielten Loops, als leicht gebremster Edit eines Robert-Hood-Tracks durchgehen. Zugleich ist „Sonar“ auch eine der freiesten Kompositionen, wie Tristano erklärt: „Die Struktur steht zwar fest. Wir wissen etwa, dass an einer Stelle ein Break kommt und wir dann den Akkord wechseln. Aber abgesehen davon machen wir so ziemlich, was wir wollen.“


Video: AufgangLive at Sónar 2005

Innerhalb einer einfachen, vorgegebenen Struktur nach Belieben modulieren, zwirbeln, herumtoben, bis die Schädeldecke plötzlich ein paar Etagen höher geht: Das ist ein uraltes, ursimples Spiel elektronischer Tanzmusik. Aufgang greifen mit ihren gepflegten Pianisten- und Perkussionistenfingern nach dieser Struktur, falten sie auseinander, drehen sie von innen nach außen. Mancher altbekannte Winkel scheint plötzlich verbaut, aber in andere Richtungen öffnen sich bisher ungeahnte Einblicke. Wird man sich also tatsächlich an Notenblätter neben der Tanzfläche gewöhnen müssen? Franceso Tristano würde vielleicht antworten, dass die Frage so gar nicht richtig gestellt sei. Dass man durchaus zur Diskussion stellen dürfe: Kann Techno denn nicht einfach gehört werden? „Ich hatte ein interessantes Gespräch mit Carl (Craig, Anm. d. A.) über Techno im institutionellen Betrieb. Jazz hat ja eine ähnliche Geschichte: Erst in den fünfziger Jahren gab es zum ersten Mal ein Jazzkonzert in der Carnegie Hall, und jetzt wird Jazz an allen Hochschulen unterrichtet. Das ist erst fünfzig Jahre her, am Anfang war Jazz einfach Tanzmusik in den Clubs, genau wie Techno. Das ist für Carl also die große Herausforderung: Tanzmusik im Konzertsaal. In einer Philharmonie zu spielen ist extrem reizvoll für ihn, weil, wie er sagt, das Publikum seine Musik dann endlich auch hören und nicht nur dazu tanzen kann. Und für mich ist es genau andersrum. In einer Disko Bach zu spielen, das fände ich total cool.“

Es ist fast physisch zu spüren, wie diese Vorstellung Tristano in seiner grenzenlosen Musikbegeisterung Laune macht. Er nimmt die losen Diskursenden auf, schwingt sich in gedankliche Höhen auf und verknüpft die Fäden in wenigen Sätzen zu einer universalen Musikgeschichte. Der Unterschied zwischen Techno und Klassik schrumpft dabei angesichts der enormen Dimensionen des großen Ganzen auf ein neues Level: Er scheint bedeutungslos. „Musik ist ein Kontinuum. Es fängt an bei den ersten Naturklängen – das Rauschen des Meeres, die Vögel, das ist die erste Musik – und zieht sich weiter bis, sagen wir, zu Musique Concrète und Techno, mit all den anderen Musikrichtungen wie klassischer Musik oder Rock dazwischen. Man kann sein ganzes Leben damit verbringen, diese Musikrichtungen einzuteilen. Aber wird man klüger davon? Ich bin mir nicht ganz sicher. Derzeit befindet sich alles im Wandel. Und ich habe großen Spaß daran, in verschiedenen Zusammenhängen, vor unterschiedlichem Publikum zu spielen. Das ist für mich eine Chance, weiter zu erforschen, welche Dialoge noch möglich sind und in welchen Dialogen noch schöne Musik vorhanden ist.

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