Text: Daniel Fersch, Foto: Will Bankhead
Erstmals erschienen in GROOVE 129 (März/April 2011)

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Ein ähnlich großer Schallplatten-Fan wie Kennedy ist Peter O’Grady, der ebenfalls aus London stammt. Der heute 24-Jährige erschien unter seinem Pseudonym Joy Orbison vor eineinhalb Jahren urplötzlich auf der Bildfläche, als sich das Stück „Hyph Mngo“ von seiner allerersten Maxi-Single zu einem echten Konsens-Hit entwickelte, auf den sich neben Dubstep-Anhängern auch House- und sogar Trance-DJs einigen konnten. Nach diesem Überraschungserfolg gründete O’Grady zusammen mit seinem Schulfreund Samuel Strang das Label Doldrums, auf dem das Duo weder CDs noch digitale Downloads, sondern ausschließlich Vinylschallplatten veröffentlicht.


Stream: Joy Orbison – Hyph Mngo (Hotflush Recordings, 2009)

O’Grady sieht mit seinem schmalen, jungenhaften Gesicht noch jünger aus als Kennedy, mit dem er gelegentlich zusammenarbeitet. Bei seinem Auftritt im Berliner Berghain Anfang 2010 wirkte er mit seinem streng gescheitelten Kurzhaarschnitt und dem konservativen Outfit mit Hemd und Wollpullover wie ein Schüler einer englischen Privatschule, der sich heimlich bei einer Klassenfahrt davongestohlen hatte. Im Interview ist er vor Energie nicht zu bremsen und sprudelt in reinstem Arbeiterklasseakzent so schnell los, dass sich manche Sätze beinahe überschlagen. „Wir wollten von Anfang an ausschließlich Vinyl veröffentlichen“, erzählt er. „Viele meiner Lieblings-Labels haben nur Schallplatten herausgebracht, zum Beispiel die Jungle- und UK-Garage-Labels, deren Platten ich gekauft habe, als ich jünger war. Oder auch viele der Labels aus Detroit, die ich toll finde, wie Underground Resistance oder FXHE von Omar S. Mein Label-Partner Samuel und ich waren schon immer begeisterte Plattensammler und kaufen Vinyl, seit wir ungefähr zwölf Jahre alt waren.“ Die Begeisterung für Schallplatten und das DJ-Handwerk wurde O’Grady dabei fast in die Wiege gelegt. Er ist der Neffe des Produzenten und DJs Ahmud Dookhith alias Ray Keith, der in den neunziger Jahren zu den einflussreichsten Pionieren von Jungle und Drum’n’Bass zählte. „Als ich zwölf war, hat mir mein Onkel immer wieder CDs und Platten geschickt“, erinnert sich O’Grady. „Ich war neugierig und wollte herausfinden, was er da eigentlich macht. Ich habe angefangen, ihn regelmäßig zu besuchen, und er hat mir seine Plattenspieler gezeigt. Ich war sofort begeistert und wollte so sein wie mein Onkel. Ich wollte das machen, was er tat!“ Die umfangreiche Plattensammlung im Haus seines Onkels wurde für O’Grady so mit der Zeit zu einer Art musikalischem Klassenzimmer. „Er hatte eine Unmenge von Platten, die zum Teil in einem eigenen Lagerraum untergebracht waren“, erzählt O’Grady. „Als ich 16 Jahre alt war, hat er mich sogar dafür bezahlt, dass ich seine Sammlung ordne. Ich bin dabei aber nie besonders weit gekommen – ich saß stattdessen da und hörte mir eine Platte nach der anderen an.“

DIE PERSÖNLICHE NOTE

Offensichtlich spielte diese prägende Erfahrung des Aufwachsens zwischen den Plattenregalen seines Onkels eine große Rolle bei O’Gradys Entscheidung, sich bei seinem eigenen Label auf analoge Tonträger in limitierter Stückzahl zu beschränken. Doch warum lassen er und sein Label-Partner die möglichen Zusatzeinnahmen aus Download-Verkäufen einfach links liegen und machen sich stattdessen die Mühe, die Hüllen der eintausend Exemplare jeder Doldrums-Veröffentlichung von Hand mit den vom ehemaligen Mo‘Wax-Grafiker Will Bankhead entworfenen Logos zu stempeln? „Wir wollen einfach sichergehen, dass du etwas Besonderes bekommst, wenn du unsere Platten kaufst“, erklärt O’Grady. „Wir sind keine Vinylpuristen, auf keinen Fall! Aber wenn wir etwas veröffentlichen, möchten wir, dass es eine persönliche Note besitzt. Wenn du Zeit, Geld und Energie in solche Dinge wie die Cover-Gestaltung steckst, zeigt das den Leuten, dass du wirklich an die Musik glaubst, die du herausbringst. Und ich glaube, die Leute haben am Ende mehr Spaß daran, ein echtes Produkt in der Hand zu halten, als nur bei Beatport oder wo auch immer auf den Download-Knopf zu drücken.“ Die künstliche Verknappung der Doldrums-Platten bedeute aber nicht, dass er seine Musik nur für einen kleinen Teil des Publikums zugänglich machen wolle. Das Label sei vor allem ein persönliches Podium für Musik, die ihm am Herzen liege, so O’Grady. Er werde weiterhin bei anderen Labels veröffentlichen, die auch andere Vertriebskanäle bedienen. So sei zum Beispiel eine Maxi-Single bei Hotflush geplant, dem Label, das O’Grady mit „Hyph Mngo“ erst bekannt gemacht hat. Die Platte soll eine Momentaufnahme davon bieten, wie sich der Joy-Orbison-Sound seither entwickelt hat. „Ich lege im Augenblick viel mehr Techno und House auf als noch vor einem Jahr“, sagt O’Grady. „In so ein Set würden auch meine neuen Stücke passen.“


Stream: Joy O – Wade In/Jels (Hotflush Recordings, 2011)

Zum Abschluss erklärt Peter O’Grady noch, wie sein Label zum Namen Doldrums (wörtlich übersetzt: Flaute, Windstille) gekommen ist: „Darauf ist mein Partner Samuel gekommen. Das Wort beschreibt diese Idee der absoluten Stille vor einem Sturm. Es ist eine Art unausweichlicher Stille, auf die irgendwann eine Explosion folgen muss. Ich mag diese Vorstellung!“ Dass ein Label wie Doldrums ein stürmisches Revival des Mediums Schallplatte auslösen könnte, ist zwar nicht unbedingt zu erwarten. Die Aktivitäten von jungen Künstlern wie Kennedy und O’Grady lassen aber hoffen, dass Vinylschallplatten auch nach der digitalen Zeitenwende noch eine Zukunft haben.

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