Als Warp 1994 Seefeel unter Vertrag nahm, war das Geschrei groß. Die erste Band mit Gitarren auf dem lila Label bedrohte scheinbar die Reinheit und Integrität der Elektronikinstitution. Ein unnötiger Angstruf: Denn das Einzige, was bei solch vermeintlichen Mutproben auf dem Spiel steht, ist die eigene Engstirnigkeit. Für Warp war dies ein Befreiungsschlag und als Auftakt zur Indie-Major-Werdung in der Retrospektive alles andere als abwegig.
Seefeel klangen damals wie eine Legierung aus den Cocteau Twins, Brian Eno, My Bloody Valentine und einer experimentierfreudigen Horde von Phil-Spector-Lehrlingen, die gemeinsam ein Wochenende auf den Acpop-House-Feldern des Vereinigten Königreichs verbrachten und an ihrem Transformationsprozess im Studio weiter arbeiteten. Und auch wenn mobile Rechner damals noch gar nicht verbreitet waren, klangen Seefeel wie Spiritualized unter den Vorzeichen des kommenden Laptop-Komponierens. Auf der Kante von Shoegaze und jenseitigem Pop, Ambient und der zukünftigen popM-Welle balancierend, waren Seefeel eine Offenbarung. Das Projekt um Mark Clifford und Sarah Peacock war jedenfalls alles andere als konform. Auch ihr erstes Album seit 15 Jahren ist das nicht. Seefeel kommen immer noch von einem anderen Stern und aus einer anderen Zeit. Die Kategorisierungen weiter oben sind demnach auch reiner Hilflosigkeit geschuldet. In Seefeel steckt genau so viel Neil Young wie man dahinter hippieske Synthie-Forscher vermutet. Mittlerweile um den Bassisten Shigeru Ishihara und den früheren Boredoms-Schlagzeuger Ipopa Kazuhisa ergänzt, die als Ersatz für die fehlenden Originalmitglieder fungieren, ist die so geartete wall of sound dieser Band eine Einzigartigkeit. Die Möglichkeiten einer herkömmlichen Band hinter sich lassend und dennoch nicht in Klangtapetenbelanglosigkeit abgleitend, oszilliert und changiert das selbstbetitlete Album Seefeel ohne Unterlass, ohne klaren Anfang oder definitives Ende. Wäre man von dieser Begriffspaarung nicht so peinlich berührt, würde man das am liebsten ein zerebrales Abenteuer oder kinematografische Musik nennen. Die Stimme von Sarah Peacock schwebt mal geister-, mal elfenhaft durch die Stücke, denen schleppende Drums und verzerrt auf- und abtauchende Gitarren einen Hauch von Konvention und Halt geben. Seefeel entfalten ihre Magie durch die Absenz herkömmlicher Musikstrukturen. Disharmonische Zwischenspiele, Kratzer, Störgeräusche, Handy-Piepsen und Schleifspuren besorgen den Rest. Diese romantische Vertonung des digitalen Zeitalters erfordert dabei mehr als nur flüchtige Auseinandersetzung: nämlich die volle Aufmerksamkeit. Musik wie ein Rubik-Würfel, der niemals passen wird. Kaum zu glauben, dass in der abgeklärten und stocknüchternen Ära nach popM und Shoegaze von einer ein Band wie Seefeel noch mal eine solche Wirkungskraft ausgeht. Überirdisch.

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