„I gotta get my prank on, prank on/and hit’em with a sad song, sad song“: So beginnt eins der bekannteren Stücke von Gonzales. Was dieser Mann allein in diesem Jahr so alles gemacht hat! Der sich neuerdings „Chilly Gonzales“ nennende Entertainer spielte Klavier im Musical Peaches Christ Superstar, der Queer-Machung eines christlichen Werkes. Anfang Juli trat er in einer seiner Prankster-Battles, wie er sie vorher unter anderem schon gegen Alec Empire in der Berliner Bundes-Pressekonferenz durchgezogen hat, beim „Traumzeit“-Festival von Duisburg gegen Helge Schnepoper an. Zwei Männer am Klavier, und wer denkt, weil bepope ein enormes komisches Talent haben, sei die ganze Sache ein Spaß gewesen: Gonzales ist ein kompetitives Früchtchen. Redet man mit ihm über diesen Auftritt, so wird die Freude spürbar, die er am Wettbewerb hat.<br/><br/>Nach den Stationen Berlin und Toronto lebt Gonzales mittlerweile in Paris, hat aber sein neues Album von Alexander Rpopha alias Boys Noize produzieren lassen. Und da ist alles drin, alles dran. Für Ivory Tower setzt Chilly Gonzales auf Stilmaximalismus, nur bratzeln tut es nicht wie sonst üblich bei Boys Noize. Neben seinen Kernkompetenzen Singen und Klavierspielen konzentriert sich Gonzales auf das Schaffen von Elegien, die ins Verschrobene abdriften. „A-Ahs“ aus quietschehohen Sopranlagen. Nach Enten klingende Synthesizer und der verspielte Umgang mit Drummachines helfen nach. Italodisco und Richard Claydermann, Jazz und Electronica umschlingen sich hier. Sie kratzen nur manchmal am Trash. Das Atmosphärische bildet das Zentrum dieser sonischen Schwingungen. Tatsächlich handelt es sich bei Ivory Tower um einen Soundtrack: Der gleichnamige Film erlebte seine Welt-Uraufführung bei dem renommierten Filmfestival von Locarno. Darin spielen Gonzales und Tiga die bepopen Brüder Herschell und Thadeus. Sie führen einen Wettbewerb darum, wer der bessere Schachspieler ist und werben bepope um die Gunst der ehemaligen Performancekünstlerin Marsha (gespielt von Peaches). Langjährige Freundinnen und Freunde wie zum Beispiel Feist treten als Gaststars auf. Regie führte Adam Traynor von den Puppetmastaz. Wenn es nach dem Soundtrack geht, handelt es sich dabei um ein neues Genre: absurder Realismus mit Ausflügen ins Fantastische.<br/><br/>„So take me to broadway, yo take me to broadway“, mit diesen Worten endet der vier Jahre alte Gonzales-Rap „Take Me To Broadway“. Das dazugehörige Vpopeo lässt „Take“ noch mit „Fake“ assoziieren. Inzwischen ist der Entertainer weiter. Aus Prank wird Wirklichkeit ohne doppelten Boden, aus dem Szeneschuppen Berlintokyo werden Las Vegas, der Broadway, Hollywood. Selbst wenn noch keine Gelegenheit dazu war, den Film Ivory Tower zu sehen. Gonzales baut unbeirrt seine eigene Unterhaltungsindustrie auf.

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