Das erste Atari-Teenage-Riot-Album seit zwölf Jahren. Von den dreien, die einst aufbrachen, ist nur noch Alec Empire übrig, Carl Crack weilt nicht mehr unter uns, und Hanin Elias ist solo. 2011 ist das Gitarrenverbot ebenso Geschichte wie das Milieu, von dem aus ATR ihre Position entwickelt haben. Wo einst euphorisierte Kuttenträger bei Jägermeister und schnellen Drogen die „Hetzjagd Auf Nazis“ feierten und sich im besten Fall irgendwie radikalisierten, stehen ATR heute einer Generation gegenüber, die zwischen ihren Fashionblogs, CV-Kompositionen, ihrem Sozialnetzwerking und ihrer Gagaforschung möglicherweise gar nicht kapiert, wovon in den Stücken eigentlich die Rede ist. Bleibt als Zielgruppe eigentlich nur das Attac-Lager, wo sich ein paar Zausel vielleicht auch noch an den Sommer 1992 erinnern mögen. Beim Songwriting haben sich ATR diese Frage vernünftigerweise nicht gestellt und einfach den Konfrontationskurs wieder aufgenommen, der nun mal ihr Ding ist. Mit sachter Soundmodernisierung und aktualisierten Lyrics auf der alten Haupt-Angriffslinie unterwegs: im Zweifel Kritik, im Zweifel doll, im Zweifel Revolution. Das ist, auch wenn die Analyse manchmal so grob gestrickt ist wie die Basskeule, ehrenhaft. Denn seit Deutsche zum letzten Mal in großer Zahl auf die Straße gingen (um für den Kapitalismus zu demonstrieren!), sind die Dinge kaum besser geworden. Nicht hier, und erst recht nicht da, wo im Augenblick das erste Kapitel der neuen Dekade geschrieben wird. Libyen, Tunesien, Ägypten, Syrien, haben im Songwriting keine Spuren hinterlassen (können?). Dabei sollten ATR wohl gerade jetzt gerade dort gespielt und gehört werden, statt hier, wo das Feuilleton sie routiniert als Altlinke verhöhnt und zur Tagesordnung übergehen wird. Wo ATR es weiterhin mit der Makropolitik austragen, hat sich Hanin Elias eher der Mikropolitik zugewandt. Wo Alec Empire „Revolution“ fordert, reicht ihr ein „You suck“, die Kapitalismuskritik kommt als Devo-Cover daher, Faker und Tussis werden ebenso gedisst wie schlechte Rapper. Neben all den brachialen Brettern und den Rave-Gitarren-Clashs, die in guter DHR-Tradition die Message einmassieren, bleibt Luft für musikalisch interessante Blüten und Ansätze zur großen Popsong-Geste. Den Heerscharen von Alleinunterhalterinnen, die ihr (und Peaches) mehr zu verdanken haben als sie ahnen, ist Hanin mit ihrer Intensität und Persönlichkeit noch immer ein ganzes Stück voraus. Ihren Vorsprung an Bühnenerfahrung gleicht sie aus durch ungebremste Begeisterungsfähigkeit für Krach, Autotune, Rumhopsen und Schreien. Besser, weil menschlicher, als Lady Gaga.