Massive Attack haben in ihrer inzwischen zwanzigjährigen Bandgeschichte so einige Turbulenzen durchgemacht. Ursprünglich noch als Trio von Robert Del Naja (3D), Grant Marshall (Daddy G) und Andy Vowles (Mushroom) gegründet, bildete die Gruppe Anfang der neunziger Jahre ein Gravitationszentrum der Bristoler Szene, deren dunkler, von Dub und Reggae infizierter HipHop bald „TripHop“ getauft werden sollte. Nach den inzwischen zu Klassikern avancierten Alben Blue Lines (1991) und Protection (1994) entstanden jedoch erste Verwerfungen zwischen den Mitgliedern, in deren Folge Vowles die Band verließ. Klanglich manifestierte sich diese Trennung 1998 in dem pechschwarzen Album Mezzanine. Danach stimmte auch zwischen Del Naja und Marshall zunehmend die Chemie nicht mehr. Das vierte Album 100th Window von 2003 kann nur mit Einschränkungen zur Diskografie der Gruppe gezählt werden, war es doch letztlich ein Soloprojekt von Del Naja – und musikalisch eine herbe Enttäuschung.
Doch nachdem sich Del Naja und Marshall vor einigen Jahren wieder zusammengerauft haben, erscheint nun passend zum Bandjubiläum das erste „richtige“ Massive-Attack-Album seit zwölf Jahren. Und es ist ein rundum gelungenes geworden: Sobald Heligoland im CD-Spieler liegt, ist auf Anhieb der ganze psychedelische Ethnoquark von 100th Window vergessen. Als Duo haben Massive Attack endlich längst vergessene Qualitäten wiederentdeckt und zeigen gleichzeitig so viel Mut zum Risiko wie noch nie. Heligoland markiert eine Rückkehr zur Tanzbarkeit und ist das, ästhetisch betrachtet, elektronischste Album der Band. Trotzdem bilden Dub- und Reggaerhythmen wieder die Grundlage der Musik, gleichzeitig setzen Del Naja und Marshall auch weiter selbstbewusst rockige Gitarren ein. Aus dem Zusammenspiel all dieser Elemente und der Mitwirkung von Sängern wie Horace Andy, Damon Albarn oder Hope Sandoval resultieren zehn durchweg großartige Lieder.
So beginnt Heligoland mit dem makellosen „Pray For Rain“, einer klassischen Massive-Attack-Nummer mit schleppenden Beats, tiefem Bass und großartigem Gesang von TV-On-The-Radio-Frontmann Tunde Adebimpe. Darauf folgt „Babel“, das mit einem Dubstep-Beat startet und sich zu einem ausgewachsenen Rockmonster entwickelt. Bei „Girl I Love You“ pulsiert ein nervöser Bass wie aus einem Punkrock-Stück, die restlichen Instrumente nehmen den Weg durch die Echokammern und kommen als Hall zurück, während Horace Andy eine bittersüße Liebesgeschichte vorträgt. Auch die restlichen Stücke hätten jeweils eine eigene Erwähnung verdient, nur Platzprobleme verhindern dies hier. Mit Heligoland gelingt Massive Attack jedenfalls eine triumphale Rückkehr – und die stilistisch wie emotional vielfältigste Platte ihrer Karriere.

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