Mike Dehnerts Label Fachwerk wird oft in einem Atemzug mit Ostgut Ton genannt. Der harte, schwere, dunkle Techno-Sound Dehnerts und die Musik eines Marcel Dettmann ähneln sich aber nur auf den ersten Blick. Bei Dettmanns Platten ist nachvollziehbar, an welchem Punkt der Techno-Geschichte sie stehen, gerade ihr gesteigertes Geschichtsbewusstsein macht sie so reich. Dehnerts Musik klingt dagegen wie ein Urknall. Und das, obwohl der Berliner Produzent auf eine ähnlich lange Auseinandersetzung mit Musik zurückblickt wie Dettmann: In den Neunzigern zunächst als DJ aktiv, hat Dehnert in den letzten Jahren fünf überwiegend digital erschienene Alben und zahllose Maxis produziert. Und doch setzt jeder seiner Tracks wieder neu an. Zeit ist in seiner Musik keine Dimension, sie klingt weder nostalgisch noch modern. Sie versetzt einen in einen Zustand, als Techno noch kein gängiges Musikgenre mit bekannten Regeln war, sondern ein unversöhnliches Konvolut aus Klang. Dazu passt, dass Dehnert der alte Tresor-Club besonders viel bedeutete: An der Betonkapsel zeichneten sich keine Jahresringe ab.
Von der internationalen Presse wurde der emotionslos wirkende Dehnert als typisch deutscher Technoproduzent charakterisiert. Tatsächlich knüpft er an eine hierzulande verbreitete Tradition des Musikmachens an, die von Kraftwerk über die Kölner Techno-Schule bis zu einem Carsten Nicolai reicht. Statt um Gefühlskälte geht es den Musikern eher um einen analytischen Umgang mit Klang. Statt die Gefühle, die die Musik im Zuhörer auslösen soll, schon in die Musik einzubauen, achten die genannten Musiker peinlich genau darauf, nur Klangereignisse zu erzeugen. Der Hörer bleibt in der Erfahrung der Musik völlig frei. Einen entgegengesetzten Ansatz verfolgt ein kommerzieller Club-Sound, der die eigene Botschaft ständig verdoppelt, etwa wenn ein Trommelwirbel die ja eigentlich auf Überraschung zielende Hookline ankündigt. Die Hookline soll ein Moment der Ektase jenseits alles bisher erlebten auslösen. Damit das aber jeder versteht, muss die Klangfigur dem Hörer geläufig sein, was wiederum ihr Überraschungspotenzial mindert.
Dehnerts Musik geht das Risiko ein, nicht verstanden zu werden. Der kommerzielle Club-Track klingt gezwungen, weil er fürchtet, die eigenen Versprechen nicht einzulösen. Dehnerts Musik wird nie ein Versprechen brechen, weil sie nichts verspricht. Sie ist nur: <i>Framework</i>. Dieser Ansatz kommt besonders deutlich zum Ausdruck, weil Dehnert nicht mit abstraktem Klangmaterial arbeitet, sondern mit dem Klangvokabular von Techno und House. Die Figuren werden nie so weit ausformuliert, dass sie sich zu einem geschlossen Track fügen. Statt zwingend oder eingängig zu sein, sind sie gerade eben noch Musik – vielleicht aber auch viel eher: Klang, Geräusch.

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