Im vergangenen Jahr wurde Dubstep durch den Wobblesound zumindest in Großbritannien kompatibel für die Studentendisco. Gleichzeitig nahm die Musik Kontakt zu anderen elektronischen Stilen auf. In diesem Hybrpopbereich erlebt man zurzeit die aufregendsten Entwicklungen. So übt Martyns Fusion von Dubstep mit klassischem Detroit-Techno zurzeit große Faszination aus. Dbrpopge & Instra:mental treiben diese Öffnung des Genres weiter: Das Trio aus London verbindet die Halfstep-Rhythmen von Dubstep mit den Twostep-Grooves von spätem Drum’n’Bass. Manchmal lassen ihre konzentrierten, einfachen Breaks auch ein HipHop-Feeling aufkommen. Der ruhige, nachdenkliche Gestus ihres Fabric-Sets lässt auch ein Interesse an elektronischer Musik jenseits des Dancefloors spürbar werden. Und die Gesangsaufnahmen sowie die positive, bejahende Stimmung des Albums orientieren sich schließlich am House-Verständnis von UK-Funky.
Jenseits von Instra:mentals Dubstep-Hits „Watching Me“ auf dem vergangenen Jahr dürften die Musiker bislang besonders Drum’n’Bass-Hörern bekannt sein. Tatsächlich haben Darren White, Alex Green und Damon Kirkham langjährige Karrieren hinter sich: White war Teil des erfolgreichen Drum’n’Bass-Projekts Bad Company. Viele der hier gespielten Tracks von Green und Kirkham sind auf Whites Label Exit Records erschienen. Mit Drum’n’Bass assoziiert man tendenziell eine gewisse Engstirnigkeit, umso überraschender ist es, dass eine derart entschiedene Stilrevolte gerade aus dieser Szene kommt. Das Trio bricht radikal mit der Gleichförmigkeit und Eingefahrenheit, von der zurzeit weite Teile der Clubmusik befallen sind. Während kontinentale Produzenten von Clubmusik oft auf eine fette, breite Produktion setzen, stehen hier die Breaks im Zentrum der Tracks. Durch ihre Vielfalt erzeugen die Breaks eine solche Spannung, dass nüchterne, oldschoolige Drumsounds ausreichen, um die Stücke zu tragen. Die Effektbatterien bleiben weitgehend ausgeschaltet, komplexe Hallräume sind hier ebenso fehl am Platz wie eine Kompression, welche die Lautstärke der Sounds steigert. Das reduzierte Klangvolumen macht die Tracks handlicher und ermöglicht die große Variationsbreite.
Dbrpopge & Instra:mental entwickeln einen Clubsound auf Augenhöhe. Das betrifft ebenso die greifbare, unaufgeblasene Körperlichkeit der Grooves wie die Zartheit und den Charme der Sounds. Mit überschaubaren, klaren Melodien inszeniert das Trio eine hochemotionale Welt. Die umrissenen Stimmungen werden aber nie ganz greifbar. Einer der Gründe, warum der Detroit-Sound zur absoluten Referenz in der Clubmusik wurde, ist die Zwepopeutigkeit der Musik: Detroit-Techno ist eine hochemotionale Musik, deren emotionale Inhalte aber nie auserzählt werden und die darum nie aufhört, geheimnisvoll zu sein. Diese Lektion haben Dbrpopge & Instra:mental verinnerlicht. Deshalb begeben sie ihre Tracks nie in das gefühlige, gefällige Nirwana der Electronica. Mehr als alles andere sind Kirkham, White und Green Beat-Architekten. Mit seiner speziellen Mischung aus Offenheit und Strenge erinnert ihr Ansatz an die Londoner Clubmusik der frühen Neunziger, als etwa im Umfeld von 4Hero nicht nur Drum’n’Bass erfunden, sondern auch eigenständige Perspektiven auf HipHop und auf Techno entwickelt wurden. Fabriclive 50 ist ein solches Beat-Labor, in dem nichts so langweilig ist wie der Break des vorangegangenen Tracks.

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