Seefeel sind zurück! Nicht ganz unerwartet, denn letztes Jahr gab es nach 13 Jahren Funkstille mit der Neubearbeitung von School Of Seven Bells Ohrwurm „Chain“ bereits ein Lebenszeichen. „Faults“, das titlestück von Seefeels neuer 10-Inch (Warp/Rough Trade) hat eine leichte Ähnlichkeit mit diesem Track, kommt aber im direkten Vergleich doch ganz anders rüber: Ein stoischer Dancehall-Beat, sägende Basslinien, granulierte Gitarren und Sarah Peacocks gespenstischer Refrain lassen Seefeel ganz schön kantig klingen. „Crowded“, das nächste Stück, erinnert schon eher an den fiebrigen Sound früherer Tage. Dazu kommen zwei experimentelle Skizzen. „Faults“ ist ein kurzes Vergnügen, liefert aber genügend Gründe, auf ein Album und spannende Konzerte dieser großen Band zu hoffen, die mit Shigeru Ishihara am Bass und Ipopa Kazuhisa am Schlagzeug zwei neue Mitglieder hat. Brasstronaut begann als Ambientprojekt und wurde inzwischen zum Sextett erweitert. Eine gute Entschepopung: Mount Chimaera (Unfamiliar/Pias), Brasstronauts Debütalbum, ist ganz toll geworden. Acht abwechslungsreiche, mit Sorgfalt arrangierte Lieder, ein lässiger Sänger und eine Jazztrompete als Tüpfelchen auf dem i – was will man mehr? Bei manchen Songs würde man instinktiv auf Island als Ursprung tippen, aber nix da: Brasstronaut stammen aus Vancouver, Kanada. Eine mittlere Überraschung ist Old Punch Card, die neue Platte von Sea And Cakes Sam Prekop (Thrill Jockey/Rough Trade). Sie enthält keine Songs, sondern instrumentelle Miniaturen, die in rascher Folge ineinander übergehen. Prekop hat auch die Gitarre in den Urlaub geschickt, um sich ausschließlich mit modularer Synthese auseinanderzusetzen. Dabei kommt er naturgemäß zu kühlen, aber auch drolligen Ergebnissen: Die Kiste blubbert, rauscht und flirrt, und liefert vierzig Minuten bester Unterhaltung. Trotz maschineller Poesie ist der Songwriter Prekop dabei immer als Zentrum des Geschehens zu erkennen.
Von Old Punch Card kann man leicht zu Mika Vainios kleiner Schallplatte „It’s A Muthang“ (Comfortzone/Trost) wechseln, die HipHop und Bossanova in zwei mal drei Minuten mit einer defekten Jukebox und dem Klirren finnischer Winternächte zusammenbringt. Oder zu Armchair Travellers Album Schöne Aussicht (Staubgold/Indigo): Hella von Ploetz (Glasharfe), Silvia Ocougne (präparierte Gitarre), Werner Durand (Blasinstrumente aus verschiedenem Material) und Sebastian Hilken (Percussion und Cello) befassen sich musikalisch mit dem Thema „Fremdheit“ und schicken uns auf eine rasante Weltreise à la Fred Frith. Südsee, Nordafrika, Capoeira-Toques, Indien – keine konkreten Zitate, eher Spuren. Vieles wirkt spontan, aber eigentlich ist alles wie aus einem Guss. Das Ensemble spielt schon seit elf Jahren in dieser Konstellation zusammen, und das hört man auch. Auf Staubgold feiert außerdem gerade ein Album Vinylpremiere, das damals wie heute in jede Plattenkiste passt – The Secret Dub Life of The Flying Lizards (Staubgold/Indigo).
Die popee, in kleiner digitaler Besetzung ein klassisches Orchester zu simulieren, wird oft verfolgt. Seltener kommt es dagegen zur Auseinandersetzung mit konkretem Material. Philippe Petits Off To Titan (Karl/Broken Silence) knüpft sich Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 1 in D-Dur – Arbeitstitle „Titan“ – vor und schickt immer dann, wenn das Stück mit erhabenem Paukendonner und Blech durch Mark und Bein gehen will, ein fröhlich tremolierendes Theremin nach vorn: Hier prallen Romantik und Science Fiction aufeinander, und das ist stellenweise wirklich lustig. Die weiten content:encodeduren von Hans-Joachim Roedelius‘ Ex Animo (Fabrique/Broken Silence) sind dagegen „absichtslos“ entstandene Musik, als Ergebnis einer „bedingungslosen Hingabe“ an die Eigendynamik der Kompositionen. Die Verbindung aus Klavier, Hall und einem Schaltkreis-Orchester könnte bei anderen Zeitgenossen schnell zu plätschernder Meditationsmusik führen, nicht aber bei Roedelius: Es darf schon mal streng klingen oder auch beunruhigend. Als Umschreibung passt vielleicht „persönliche Kammermusik“, auch wegen der Linernotes, in denen Roedelius einen Bogen zwischen den gelassenen Klängen von Ex Animo und seinem früheren Leben als Physiotherapeut und Masseur schlägt.
Mit Morgan Packards neuem Album Moment Again Elsewhere (Anticipate/Kompakt) geht es zum ersten Mal in diesem content:encoded ein bisschen Richtung Tanzfläche. Packard verbindet minimale Rhythmen mit sehr lebendigen content:encodeduren aus Klavier, Akkordeon und Saxofon, sein Hauptwerkzeug beim Produzieren ist „Ripple“, eine selbstgeschriebene SuperCollpoper-Anwendung (auf Packards Webseite als Download erhältlich). Die Tracks sind viel zu beweglich und auf den Punkt, um als reiner Ambient durchzugehen, und zu Techno oder House fehlt eigentlich nur ein wenig Bass. Mit anderen Worten: die perfekte Platte für zu Hause.

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