„Sei doch nicht so empfindlich“, ein Mantra dieser Tage. Der allgegenwärtigen Immunisierung und Gleichgültigkeit möchte ich einen Satz von Johannes Meyerhoff entgegenhalten: Wir alle sind noch nicht empfindlich genug, noch nicht aufgebracht genug! Ein Königsweg, um sensibel wachen Sinns zu bleiben, ist Musik. Etwa die zugleich fragilen und komplexen Klanglandschaften des Australiers Lawrence English. It’s Up To Us To Live (Sirr/Drone) ist sein verlorenes Album, das auch nach fünf Jahren in der Schwebe absolut frisch klingt in seiner Verbindung von mikrotonaler Soundschnipsel mit einer elegischen, sich manchmal zum Feedback verdichtenden E-Gitarre. Das „Carpe Diem“-Motiv, das Englishs Album durchzieht, findet ein staubtrockenes Echo in Chimeric (Thrill Jockey/RTD), dem fünften Album des Wiener Trios Radian, die langsam und beharrlich neue Pfade schlagen durch Elektroakustik, abstrakt europäischen Jazz und hypernervösen Prog. „Postrock“ könnte man das nennen, wären Radian nicht so viel konzentrierter und angespannter, als es im Genre üblich ist. Ein zuviel an Noten und Takten wird es bei ihnen nie geben. Dies gilt ähnlich für die Dark-Ambient-Supergroup Nest, deren Debüt Retold (Serein) behutsam getupfte Pianolinien über schwelgerische Bläser- und Streicherteppiche schweben lässt. Das mag nicht sehr originell oder innovativ sein, überzeugt aber durch die flirrende Zartheit der Klänge. Auch die gelungene Kombination von uramerikanischem Akustikfolk und elektronischer Liveimprovisation auf Blank Grey Canvas Sky (FangBomb/A-Musik) von Peter Broderick & Machinefabriek bereist die Sphären der Empfindsamkeit – allerdings deren ruhigere Breitengrade: satte Folktronic-Wiesen unter freundlichen Drone-Schäfchenwolken.
Wie weit die Vernetzung und ins positive gewendete Globalisierung im Bereich der elektronischen Musik schon fortgeschritten ist und damit überkommene Vorstellungen vom „Dritten Welt“ zurückweist, lässt sich am Beispiel des Labels Mü-Nest (über A-Musik) erkennen: Beheimatet in Kuala Lumpur, Malaysia, veröffentlichen dort neben den einheimischen Flica Künstler von allen Kontinenten. Zuletzt waren es die bepopen Japaner Starke, deren Debüt A Letter From Yesterday den Labelsound aus zuckersüßer Bedroom-Electronica mit Anklängen an J-Pop und Downbeat auf den Punkt bringt. Die Vielfalt, die in diesem Ansatz stecken kann, lässt sich auf der im Sommer erschienenen Compilation In This Nest We Found Our Winged Tales nachhören. Folgen wir Mü-Nests Überseeleitung von Tokio via Brisbane (Lawrence English) nach Brooklyn, New York, zu Taylor Deupree, der Twig And Twine (Own/MDM) von The Green Kingdom produzierte: filigran sonnenheller Folk-Ambient, der zum Fensteröffnen und Die-Welt-Hereinlassen animiert, sogar im Winter. Deuprees Label 12k (über A-Musik) führt uns zurück nach Japan: Rie Yoshihara, Teil des Duos Small Color, komponiert nicht nur herzallerliebste Spielzeugpiano-Electronica wie auf ihrem 12k-Debüt In Light, sondern ist auch ambitionierte Köchin und betreibt einen tollen Foodblog, auf dem sie seit fast zwei Jahren dokumentiert, was sie täglich kocht, isst, trinkt und im Garten erntet. Wahrnehmung, Erlebnisfähigkeit und Hingabe lassen sich eben mit gutem Essen wie mit Musik öffnen und intensivieren.
Auch (oder gerade?) eher konventionelle Pop- oder Rockmusiken können Ohren und Sinne öffnen, besonders wenn sie die Eigenarten oder Marotten ihrer Schöpfer nicht nivellieren sondern kultivieren: wie die Nippon-Schweizer Tim & Puma Mimi, die sich auf Turn The Page (Stattmusik/Kompakt) gutgelaunt krawalligen J-Pop aus Roboter-Electro und minimaleren Technosounds basteln. Oder, in noch schräger, die japanische Girlgroup OOIOO, die auf ihrem achten Album Armonico Hewa (Thrill Jockey/RTD) die absurden und psychedelischen Seiten der fernöstlichen Popmusik auslotet, und der das Kunststück gelingt, immer noch so frisch und anders zu klingen wie auf dem Debüt.

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