„Schönheit wird die Welt erlösen“, das wusste schon Fjodor Dostojewskis popiot. Doch die Erfahrung des Schönen als Möglichkeit, mit dem Leben in Kontakt zu treten, ist Arbeit, erfordert eine aktive Öffnung gegenüber dem Wert des Gehörten oder Betrachteten. Wenn ein Stück Kunst oder Musik diese Öffnung im Alltäglichen, ja Banalen erschließt, ist die so gewonnene Lust in ihrem Einwirken auf die Wahrnehmung von beispielsweise Ungleichheit fundamental politisch – und deswegen kann gerade unaufdringliche oder auf ungewöhnliche Weise tolle Musik lustvoll Bewusstsein und Mitgefühl schaffen. Eine in diesem Sinne erweiterte Vorstellung von elektronischer Popmusik findet sich im quietschbunten Kindergarten-Freejazz-Ambient der Vowels. The Pattern Prism (LoAF/Alive) pflügt sich in heftiger Schlagzeugarbeit durch die Geschichte von Synthie-Krautrock, Drone und balearischer Spacedisco. Die Abwesenheit jeglicher Berührungsängste sorgt für eine offene, freundliche Grundstimmung. Das ist Schönheit aus enthemmter Schmerzfreiheit. Unter dem programmatischen title Lovely Banalities (Cronica/A-Musik) sammelt der Litauer Gintas K unauffällige Feldaufnahmen und verknüpft sie mit massiv bearbeiteten synthetischen Klangsplittern. Diese clevere Mischung durchbricht die unpersönliche, von Labels wie Raster-Noton bekannte, kaltdigitale Bit-Ästhetik und gibt den Stücken eine menschliche Note. Zwischen den von den bepopen Nord-, beziehungsweise Westeuropäern eröffneten Polen der Klangwelt des Schönen ist das Debüt Ode (Preservation/A-Musik) des Italieners Nicola Ratti so etwas wie ein Bindeglied: digital, akustisch, improvisierter Klang und komponierte Songs von leichtherziger psychedelischer Substanz.
In Zeiten überhitzter Veröffentlichungsmanie, die einer netzgeschulten Aufmerksamkeitsökonomie Rechnung tragen möchte, aber daran doch scheitern muss, ist die langsame und fast immer kollaborative Produktionsweise von Stephan Mathieu dem ökonomischen Selbstmord sehr nahe, was seine raren Veröffentlichungen umso wertvoller macht. Für Transcriptions (Spekk/A-Musik) hat Mathieu seine Sammlung historischer Wachszylinder, eine vergessene Tonträger-Technologie, zu neuem Leben erweckt. Taylor Deupree hat die so aufgenommenen Klänge behutsam digital aufgearbeitet und zu einem elegisch gleitenden soundscape verkettet. Kleinste Ereignisse mit mächtiger Wirkung. Ein Verständnis von Klang, das auch Tomasz Bednarczyk nicht fremd sein dürfte, auch wenn Let’s Make Better Mistakes Tomorrow (12k/A-Musik) eher auf so moderne wie profane Mittel der digitalen Klangmodifizierung zurückgreift. So mag auch der introvertierte Laptop-Folk The Echo Garden (Audiobulb) des Iren Jimmy Behan weit entfernt davon sein, neue Maßstäbe zu setzen oder Klangmauern einzureißen – aber ich muss mich hier wiederholen: Schönheit ist immer ein Argument. Manches Mal kann sie nur auf Umwegen gefunden werden. So führt der schmale Pfad zum Elysion des Wohlklangs im Perdition Hill Radio (Type/Indigo) des Ambient-Cowboys William Fowler Collins durch toxische klangliche Gefilde aus kreischendem Feedback und dräuendem Doom-Metal.
Die historische Kultur der britischen Kornfeld-Raves, in der Chillout noch einen festen Platz neben Techno hatte, ist verschwunden, aber offenbar nicht ganz vergessen: Auf Black Ivy (Fax+49-69/450464) haucht Lorenzo Montanà dem Electroambient-Sound der Zeit respektvoll und charmant neues Leben ein. Der Schotte Orla Wren nahm dieses Erbe in anderer Weise auf. In den Neunzigern zog der Wursthaar-Hippie im Bauwagen die Spur von Festivals und Raves nach, heute lebt er mit Frau und Kindern in einem abgelegen Cottage und verknüpft in The One Two Bird And The Half Horse (Flaü/Import) Feldaufnahmen und exotische Instrumente aus seinen Traveller-Zeiten mit fragil klassizistischen Songs, die so gar nicht dem Weirdofolk-Klischee entsprechen wollen, das man sich bei einem solchen Typen vorstellt. Vor hundert Jahren hieß so etwas Hausmusik. Ganz bezaubernd.