In der Minus-Clique ist Marc Houle einer der verlässlichsten und stilsichersten Produzenten. Bisher schätzte man ihn für seine unprätentiösen Technotracks und für sein Gespür für Melodien, dem man Hits wie „Bay Of Figs“ verdankt. Mit seinem vierten Album Drift macht er einen enormen Sprung nach vorn. Seine Musik erreicht eine andere, eine eindringliche Qualität. Auf seinem vorangegangenen Album, Sixty-Four, ging es darum, die zweifache Wirkung seiner Hooklines als technopope Ekstasebringer einerseits und Popphrase andererseits ironisch aneinander zu brechen. So scharfsinnig und witzig diese Tracks waren, so sehr wirken sie gegen das neue Album wie eine harmlose Spielerei. Eine Distanz, die ein humorvolles Augenzwinkern zulassen würde, gibt es auf Drift nicht mehr. Drift ist ein Klangmonument, das nicht unmittelbarer und eindringlicher sein könnte. Es gibt nur den Klang und den Körper als dessen Resonanzraum. Die Musik wirkt nicht, als sei sie aus einzelnen Elementen zusammengefügt, vielmehr scheint es, als seien die Tracks wie Skulpturen aus dem elektronischen Urklang herausgeschlagen. Die Bässe und Melodien tauchen nicht irgendwo im Klangraum auf, vielmehr formen sie ihn als Ganzes.
Ausgangspunkt für das Album war der Winter 2009/2010, den Houle in Berlin erlebte. Tatsächlich wird die Kälte als veränderter Aggregatzustand spürbar. Das Gefühl einer extremen Erstarrung und Beklemmung zieht sich durch das gesamte Album. So sehr die Kälte lähmt, so sehr setzt sie einen auch unter Druck, zwingt zur Bewegung. Es gibt keinen Moment, in dem man nicht mit ihr konfrontiert wäre, in dem man sie vergessen könnte. Als Untersuchung der Körperlichkeit unter diesen Bedingungen erinnert Drift an Alec Empires Island-Meditation Low On Ice.
Viele Minus-Künstler meinen, mit einer optimierten Produktion ein absolutes Maximum aus ihren Tracks herausholen zu müssen. Zugleich stopfen sie die Stücke mit Verzierungen und Klangornamenten voll. Diesem Imperativ des Überbietens entzieht sich Houle entschieden. Er hat eine Definition seiner Musik, die auch unabhängig vom Sound des Labels funktioniert. Bevor er mit Minus in Kontakt kam, orientierten sich seine Produktionen an Computerspiel-Musik und Synthiepop. Houles mal bezaubernd schöne, mal irrwitzige Melodien sind kein Sammelsurium von einzelnen Einfällen, den Fragmenten liegen ganze Songpopeen zugrunde. Gleichzeitig ermöglicht die technopope Verarbeitung seiner popeen einen geschärften Fokus: Die Grooves funktionieren mal als Seziermesser, mal als Vergrößerungsglas. Diesen Prozess hat Houle auf Drift so entschieden weitergetrieben, dass die Musik auch gegenüber radikaler Klangkunst Bestand hat. Das Album eröffnet mit Schritten, die durch ein Treppenhaus gehen. Eine Hand klopft an eine Tür. Nichts passiert. Insistierend wiederholt sie das Klopfen – bis sich eine Basslinie dazugesellt. Und aus dem Geräusch wird Musik.

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