Wenn, wie Simon Reynolds in seinem neuen Buch <i>Retromania</i> argumentiert, Pop ohnehin spätestens seit den Sechzigern in einer endlosen Revivalschleife gefangen ist, die durch das Web 2.0 nur noch mal beschleunigt und intensiviert wurde, warum sollte man sich dem dann nicht völlig hingeben und die Archive plündern ohne Rücksicht auf Kanonbildung? Das ist genau das, was all die Musiker, deren Hörgewohnheiten vom grenzenlosen digitalen Archiv geprägt wurden, ohnehin machen. Ob man das nun „Chillwave“ oder „Hypnagogic Pop“ nennt oder täglich im Blog neue Genres erfindet, ist eigentlich gleich. Das Erfrischende ist das komplette Ignorieren jeglicher irgendwann einmal errichteter Grenzen des guten Geschmacks. <i>Domestic Pop Deux</i> (die CD kommt mit einem Becher mit dem Aufdruck „Pop Will Drink Itself“) ist ein guter Schnappschuss dieser Entwicklung. Bei den Grimes treffen Italo-Disco-Beats auf Cocteau-Twins-mäßigen Gesang, Enjoyed liefern eine elfminütigen Popsong vor wechselnden Hintergründen (von Chill zu House zum Stepper) ab, und bei Clive Tanaka Y Su Orquesta schmiegen sich Marimbas, Synthesizerflächen und vocoderverfremdete Stimmen aneinander. Dass selbst eine originale Postpunk-Ausgrabung, das Devo-eske Stück der Social Climbers, nicht aus dem Rahmen fällt, spricht für die stilistische Offenheit der CD.

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