Es ist längst Legende: die Ursuppe Chicagos, in der sich aus zwei Clubs (Warehouse und Muzic Box) und zwei DJs (Frankie Knuckles und Ron Hardy) ein weltumspannendes Phänomen namens „House“ entwickeln sollte. Und wie bei jeder guten Geschichte bilden all die Interpretationen, Wahrheiten und Halbwahrheiten Revisionisten, Gestalten an der Seitenlinie und nicht besungenen Helden das Salz in der Suppe. Was früher meist in wpopersprüchlichen Interviews ausgetragen wurde, ist dank des Internets zu einem lokalen Volkssport für Chicagoer Szeneveteranen geworden. Gene Hunt ist da glücklicherweise nicht allzu großkopfert und lässt Worten immerhin Taten folgen. Seine <i>Chicago Dance Tracks</i> fassen verloren geglaubte, vergessene oder niemals gekannte Tracks von Tapes und Tonbänden des House-Altertums zusammen, das davon profitierte, dass eine Anzahl wildgewordener Kpops sich mit Drumcomputern bewaffnete. Hunt bewies historisches Gespür und bewahrte Aufnahmen, die es damals nicht zu einem regulären Release brachten, in einer Schatulle auf. Einiges kennt man aus Mitschnitten der „Hot Mix 5“-Radiosendung (Farley Jackmaster Funks „Yes He Saved Me“) oder aus den Sets eines Ron Hardy (Steve „Silk“ Hurleys „I Don’t Know“), anderes von Virgo Four oder Dion & Tony ist gänzlich neu. House im Primitivzustand. Ungehobelt, zielbewusst, waghalsig und alles andere als antiquiert. Fantastisches Zeitdokument.

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