Am Anfang stehen, natürlich, die bekannten drei Sekunden Stille, die jede Platte auf dem Jazz- und Neue-Musik-Label ECM eröffnen. Und auch danach bleibt diese Doppel-CD, die Ricardo Villalobos und Max Loderbauer mit Samples aus dem gesamten Labelkatalog erschaffen haben, eher still und zurückhaltend. Die beiden Produzenten hatten offenes Land betreten und durften frei auswählen aus dem gigantischen Katalog des mehr als vierzig Jahre alten Labels. Dessen Jazz ist manchmal mit Vorsicht zu genießen, er ist eher der Jazz eines selbstbeherrschten feingliedrigen, melancholischen Europäers als eine Fortschreibung von Blues, etwas mitreißend Dreckiges oder gar funky. Stattdessen wirkt er oft so tiefgründig wie ein norwegischer Fjord – und klanglich ebenso klar und kühl. „Hier wird das Niveau vorgelegt, welches wir als Elektronikmusiker erreichen möchten“, schwärmen Villalobos und Loderbauer trotzdem, beziehungsweise gerade deshalb über den Labelsound. Bei der Auswahl ihres Ausgangsmaterials haben sie nun eher in den feinsten Verästelungen und Schattenwelten dieses Fjords gefischt, also gerade nicht Berühmtheiten wie Terje Rypdal, Jan Garbarek oder Keith Jarrett bemüht. Sondern sich überwiegend an Unbekanntere gehalten oder gleich an die Neue-Musik-Seite der New Series von ECM, mit Material von Arvo Pärt, Alexander Knayfel oder Paul Giger.

In mehr oder minder freistehenden Passagen von Instrumenten, Chören oder Atmosphären fingen die beiden quasi den Geist von ECM mit einer Flasche ein. Aus diesen Passagen wurden Schleifen gefertigt, die dann live miteinander jammen durften. So entstanden lang mäandernde Stücke, meist zwischen sieben und zehn Minuten dauernd, die sich langsam entfalten wie eine Blume bei Sonnenaufgang. Villalobos und Loderbauer befragen sanft und unaufdringlich die Originale, spannen durch Phasenverschiebungen neue Räume auf, entstrukturieren die Stücke, lösen sie auf und kochen sie ein, sodass nur noch ihre Essenz übrig bleibt: frei flottierende Partikel dieses typischen ECM-Sounds, die gegeneinander stoßen und damit neue Ereignisse auslösen.

Villalobos, der Initiator des Projekt, hatte sich ja bereits 2004 auf Thé Au Harem D’Archimède an verspult ausufernder Musik probiert (unter der allerdings immer noch eine Bassdrum lag). Er beweist schon länger ein offeneres Ohr als alle anderen Technoproduzenten seiner Liga. Und dann ließ er sich auch noch häufiger mal mit Jutebeuteln voller ECM-Platten blicken. Man hätte also vorhersehen können, dass dies hier passieren würde. Aber nicht, dass das Ergebnis eins der zartesten, intelligentesten, feinsensorischsten ambienten Alben ist, die man sich vorstellen kann. Eins für Leute, die Clubmusik mögen, ebenso wie für Anhänger des frei atmenden ECM-Sounds. Und letztlich kann man diese Platte schon einfach dafür bewundern, wie sie entstanden ist, was darauf probiert wird, was sie ist. Also schlicht dafür, dass es sie gibt.