Eine Stimme, ein Zischen, ein Flattern, ein Taumeln: Gleich in „Menta Latte“, dem Eröffnungsstück auf Matias Aguayos zweitem Soloalbum, wird man von einem tirilierenden Spatzengezwitscher und einer merkwürdig fauchenden Bassdrum begrüßt, die man so noch nicht vernommen hat. Und nach nur wenigen Takten ahnt man, dass man hier in einer ganz speziellen, einer herrlichen Musik gelandet sein könnte. Ist das etwa alles mit dem Mund gemacht?

Schon in der letzten Groove-Titelgeschichte hat Florian Sievers den Entstehungsprozess von Ay! Ay! Ay! und die Herkunft der auf dieser tatsächlich magischen Platte versammelten Klänge beleuchtet: Aguayo nimmt schnelle Skizzen auf, die Ideen werden sogleich eingesungen, aber eben nicht bloß die Melodien, wie man das als Sänger so macht, sondern auch die Beats und die Basslines. Aufgenommen hat Aguayo diese minutiös geschichtete Soundcollage gemeinsam mit Vicente Sanfuentes zwischen Buenos Aires, Santiago de Chile und Paris, fertig abgemischt dann in Berlin mit Partner Marcus „Roccness“ Rossknecht, mit dem er auch das Duo Broke betreibt.

Ob jetzt nun Björk mit Medúlla ein fast ausschließlich auf Klängen der menschlichen Stimme basierendes Album aufnimmt, Matmos das Schmatzen aus dem Operationssaal zu Musik formen oder Matthew Herbert Essen und einen Schlüsselbund sampelt – die Geschichte der seltsamen Klangerzeugung in der elektronischen Musik ist keine neue. Was Ay! Ay! Ay! dabei als Album so außergewöhnlich macht, ist aber nicht allein die Tatsache, dass so gut wie alles, was es hier an famosen Wohlklängen zu erfahren gilt – mit Ausnahme von einigen Drumsounds, etwas Akkordeon da oder dort, ein bisschen Geflöte oder Xylofon – einzig dem Mund, dem Körper von Matias Aguayo entfahren ist. Ein Konzept ist schließlich nur dann gut, wenn das Ergebnis mehr kann, als bloß darauf zu verweisen, eine „Idee“ zu sein. Vielmehr ist Ay! Ay! Ay! ein von vorne bis hinten atemberaubendes Sammelsurium schwindlig machender, neuartiger Tanzmusik geworden. Das Schnalzen, das Raunen, das Stöhnen und Flüstern, der Schluckauf, das verheißungsvolle Nuscheln und die vielstimmigen Gesänge von Aguayos Stimme werden da zu feingliedrigen Kunstwerken, zu durchgehend zwingenden Rhythmus-Basteleien aneinandergeschnitten, die Südamerika, aber auch unterschiedlichste afrikanische Musiken zwischen Soukous aus der Kongo-Region oder südafrikanischem Mbaqanga mit mitteleuropäischer Techno-Logik zusammendenken. Jedoch ist dies hier nicht die gestrenge Bassdrum, sondern vielmehr eine höfliche Bitte auf den Dancefloor, vorgebracht von einem distinguierten Dandy. Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Matias Aguayo: Human Beatbox, geschmacksicherer Scatman, aufgekratzter Crooner, Musikliebhaber. Ay! Ay! Ay!, es ist elektronische body music. Entsprungen einem Körper, gemacht für den Körper. Für alle.