Ist es also doch Animal Collective. Irgendjemand musste ja auf die Molekularisierung der Avantgarde der Popmusik kommen. So klingt sie. Animal Collective sind Panda Bear, Avey Tare, Deaken und Geologist. Zusammen sind sie jetzt außerdem so etwas wie die Ferran Adriàs des Pop. Das ist der erste Koch, der zur Documenta eingeladen wurde. Denn mit seinem Restaurant El Bulli an der spanischen Costa Brava hat der Drei-Sterne-Koch Adrià die Molekularküche erfunden. Und auch Animal Collective arbeiten mit extremen Temperaturen, mit schönen Farben, mit gefährlichen Substanzen und nie gewagten Kombinationen. Das ist die Kunst des Molekularen.

Bevor es hier allerdings ins Abstrakte geht, sei erstmal gesagt: Im Gegensatz zu Strawberry Jam vom vergangenen Jahr ist Merriweather Post Pavillon weniger Pop und enthält keine Hits. Es gibt keine Songstrukturen. Man möchte ja mitsingen, doch in diesen ständigen Mikroveränderungen der Texturen fällt Orientierung schwer. Zumal Panda Bear, der auf dieser Platte ziemlich viel singt, ständig durch die Verschachtelungen smarter Gesangseffekte gejagt wird. Vor allem aber schlägt der Rhythmus dieses Albums langsamer als der von Strawberry Jam, jener Platte, dank der Animal Collective endgültig zur Referenzband des Indiepop geworden sind.

Merriweather Post Pavillon kann dagegen Folgendes: diesen Status behaupten. Und noch weit darüber hinaus weisen. Von dem Titel – der eher ein Witz ist und eine Spielstätte in Columbia in Maryland zitiert, in der sich unter anderem schon Madonna und Britney Spears die Ehre gegeben haben – klingt nach dem Hören vor allem der „Pavillon“-Bestandteil nach. Pavillon, wie in „Kunst-Event“: Etwas Großes und Begehbares haben sich Animal Collective eingerichtet, ein Panorama, das wahlweise beginnt mit den Trecks in den nordamerikanischen Westen, mit Thoreaus Transzendentalismus-Manifest Walden, mit der Mondlandung oder mit den ersten Klängen, die Animal Collective vor neun Jahren gemeinsam in Baltimore hergestellt haben. Als Panorama endet es eben auch immer dort, wo es angefangen hat – jedoch nicht, ohne zuvor noch Stationen wie die Kurzgeschichten Truman Capotes abzubilden oder die unter anderem in i-D gezeigten Fotografien von Ryan McGinley. Amerikanisch, ohne dass diese ganze Macht mitschwingen würde.

Hoffnungsvolle, utopische Kunst. Es ist dabei egal, ob diese neuen Stücke gar nicht mehr so weird sind oder ob Animal Collective nicht selbst ihre Weirdness derart weit in die Weltgesellschaft hineingetragen haben, dass sie gar nicht mehr so auffällt. Der entworfene Klangraum ist ganz Ambient und gewinnt seine Vielschichtigkeit durch die Betonung von tiefsten Tiefen und hohen Mitten. Da hinein geben Animal Collective ihre Polyrhythmen, ihre zwitschernden Synthesizer und Gimmicks. Doch alles, was man meint bereits kennen zu müssen, wird in neue Aggregatzustände überführt: die Beach Boys in Stickstoff getaucht, Brian Eno auf heißem Stahl gebraten und alle Drogenkulturen seit den sechziger Jahren bei minus 150 Grad Celsius geliert. Warum? Weil nichts so sein muss, wie es immer war.