Volltreffer mit Ansage. Seit der Ankündigung, dass Steven Ellison alias Flying Lotus von Plug Research zu Warp wechseln würde, hängen an ihm die Hoffnungen all jener, denen die Beats nicht off-key und der Sound nicht dicht genug sein kann. Ein großer Wurf sollte es werden, bei der ganzen Berichterstattung und den Vorschußlorbeeren für seine „Reset“-EP konnte man gar den Eindruck bekommen, dass von „Müssen“ die Rede war.

Was macht Ellison? Er lässt sich von dem ganzen Druck und den ständigen Verweisen auf seinen Coltrane-Ahnenstamm nicht irritieren und feuert ein Album ab, welches das Zeug hat, gewissermaßen kanonisch zu werden. Für eine Szene, die mit dem Begriff „Leftfield-HipHop“ nur unzureichend zusammengefasst werden kann.

Nun ist Flying Lotus nicht der Erste und Einzige, der in diesen Tiefen watet. Dimlite hat ähnlich nebulöse Knurpselsounds unter anderem zu zwei schönen Alben für Sonar Kollektiv verdichtet. Auch das niederländische Rushhour-Camp mit ihrer Beat Dimensions-Reihe und das Kölner Label UpMyAlley mit der Rookie-Plattform Beatnicks orientieren sich eher an Madlibs Stolperfallen und Jay Dees Butterbergen als an Bling und Bling (Trottel der Wahl bitte selbst einsetzen). Und doch ist es an Flying Lotus, als Aushängeschild und erster Repräsentant zu dienen, wenn es um diesen von HipHop kommenden und elektronisch zersetzten Sound geht.

Mit klanglichen Experimenten auf seinem ersten Album 1983 hat er sich bereits einen Namen gemacht, und nach seinem Geburtsjahr hat er nun seine Wahlheimat Los Angeles als titlegebendes biografisches Element gewählt. Wer in den vergangenen Monaten Benji Bs Radiosendung „Deviation“ auf BBC 1xtra verfolgt hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass fast jede Woche ein Track von Flying Lotus gespielt wurde. Immer ein neuer Track wohlgemerkt, und das, wie Benji B versichert, nicht aus Promotion-Gründen, sondern weil Ellison jede Woche aufs Neue konsistent Qualität liefert.

Los Angeles bündelt nun eine Vielzahl dieser Tracks, bei denen sich HipHop, Glitch und Dubstep als Kernelemente ausmachen, aber die sich dennoch nicht dort einordnen lassen. Zwar ist das Album aus einem Guss was seine futuristischen Sounds und Sampleauswahl angeht, es bietet aber trotzdem eine gewisse Variationsbreite: Elegisch, verträumte Landschaften wie „Brainfeeder“ oder „Roberta Flack“ mit Gastsängerin Dolly, rohe, geradezu aggressive Skizzen wie „Riot“ und „GNG BNG“, tanzbare Module wie „Parisian Goldfish“, Psychedelik-Folk in digitalem Gewand wie „Auntie’s Lock/Infinitum“ und als Kirsche auf der Sahnetorte „Testament“, eine dunkelschwarze, alienfizierte Ballade, bei der Gonja Sufis Gesang Nina Simone in Erinnerung ruft – ein magisches Stück.

Es ist davon auszugehen, dass Busladungen THC einen nicht unwesentlichen Anteil am Sounddesign von Flying Lotus hatten. Hörer, bei denen die Synapsen allerdings den Kiffermucke-Alarmknopf auslösen, sollten sich vor Augen führen, dass sich beispielsweise Cypress Hill zu Flying Lotus wie Currywurst zur Molekularküche von Heston Blumenthal verhält. Los Angeles ist Haute Cuisine für die Ohren.