Eines vorweg für die, die von Matthew Herberts Plat du Jour-Konzeptalbum nicht so begeistert waren: Ziel war es nach eigener Aussage dieses Mal, eine Partyplatte zu machen. „Im Endeffekt ging es nur darum“, sagt er, „Genuss an den Melodien und Harmonien zu finden. Das Album sollte nicht unter der Last zu vieler Ideen leiden, wie dies bei Plat du Jour manchmal der Fall war“. Matthew ’Mover and Shaker’ Herbert ist zurück, zusammen mit seiner Sängerin und Partnerin Dani Siciliano, den Sängern Neil Thomas und Dave Okumu, Musikern des „Goodbye Swingtime“-Bigband-Albums und seinem „Personal Contract for the Composition of Music“-Dogma, welches ihm verbietet, Drumcomputer, Preset-Sounds und Samples zweiter Ordnung zu verwenden.

Er nahm Drums in einem Heißluftballon und einem fahrenden Auto auf, er sampelte Bomber der Royal Airforce und Särge, und wieder hat vieles einen hochpolitischen Hintergrund. Nichts, was jemanden, der sich ein wenig mit diesem Ausnahmemusiker auseinandergesetzt hat, ernsthaft erstaunen dürfte. Ob als Herbert, Wishmountain, Doctor Rockit oder Radio Boy: Über Jahre schaffte er es, großartige, spannende und richtungsweisende Musik zu erschaffen. Auf diesem Album finden nun Matthew Herberts viele Alter Egos wie noch nie zuvor zu einer Form zusammen. Abwechslungsreich stehen auf Scale Balladen neben Discorevue-Nummern, zärtliches Liebeslied neben traurigem. Herbert beherrscht perfektes Songwriting, er liefert eine Platte, die inhaltlichen Anspruch mit hohem Unterhaltungswert verbindet, die Spaß macht und trotzdem auch traurig und intelligent sein darf. Das selbst gesetzte Ziel, das Songwriting wiederzuentdecken und in den Vordergrund zu stellen, ist gelungen: Diese gefühlvolle Platte macht einfach sehr viel Freude.

Die Unzufriedenheit Matthew Herberts mit gewissen Zuständen in unserer Gesellschaft kann er aber auch auf Scale nicht verbergen: Dass Stücke mit den Namen „Something Isn’t Right“ und „Wrong“ das Album eröffnen und beschließen, ist sicher kein Zufall. Trotzdem hat dieses Album keinen bitteren und wütenden Protestcharakter. Die innere Notwendigkeit, Sozialkritik zu äußern, ist nun mal tief in Herbert verwurzelt, sie scheint aber auf „Scale“ eher durch als dass sie einem entgegen springt. Man muss unter die unterhaltsame, glitzernde Oberfläche der Stücke schauen, um die Ernsthaftigkeit dieser Platte zu erfassen.

Mit Scale legt Herbert seine Messlatte wieder etwas höher, für viele wird es sein bisher bestes und zugänglichstes Album sein. Bei „Wrong“ singt Herbert „I wish my heart was a stone, that way I wouldn’t feel all the things I do“. Wir sind dankbar dafür, dass dem nicht so ist und dass er seine Gedanken, sein Herzblut und seine geniale Musik mit uns teilt. Großartiges Album, das in jede Sammlung gehört. Schublade „Klassiker“.