Hit oder Hype? Das ist hier tatsächlich die Frage. Schon wieder Cowbells, noch eine Handclap-Punk-Funk-Band, im Electrosong-Kontext kann ich keine E-Gitarrenriffs mehr hören, wird die Snobfraktion stöhnen. Und in der Tat: Wer seinen Dancefloor clean und strikt elektronisch mag, der schnallt hier schnell ab. Alle anderen bekommen ein herausragendes Popalbum, das zwar den Kontakt zum Club an vielen, sehr speziellen Stellen – etwa einer Vorliebe für 2-Step-Garage oder modernen R&B – herstellt, aber gleichzeitig oft darüber hinausgeht und ihn als Soundschauplatz manchmal ganz verlässt.

Hot Chip ist eine britische Formation, die ganz offen beeinflusst von Projekten wie Captain Comatose, DFA oder The Rapture das Produktionsmodell Band für den Dancefloor reaktiviert und nutzbar gemacht hat. Den Kern bilden Alexis Taylor und Joe Goddard, die beide für Songwriting, Produktion und Vocals verantwortlich sind. Gitarrist Owen Clarke, Keyboarder Al Doyle und Programmierer Felix Martin sind frei um dieses kreative Zentrum gruppiert. Auf ihrem zweiten Album drehen Hot Chip die Referenzschraube eine Windung weiter: Zitatpop statt Post-Punk gibt hierfür die Maßstäbe vor. Mit diesen elf Songs treten Hot Chip an, um sich mit Acts vom Format der Associates zu messen, sie gehen so verschwenderisch mit Verweisen um wie ABC oder Heaven 17 zu Anfang, haben Erfindungsreichtum wie Prefab Sprout zur Mitte der 80er.

The Warning lehnt sich ganz weit aus dem Fenster: Hot Chip wollen hier als Quersumme aus Out Hud, Scritti Politti, den Young Marble Giants und Depeche Mode mindestens die Beatles, die Beach Boys, Roxy Music und Prince gleichzeitig sein, sind natürlich all das nicht und genau darin ganz groß, weil sie diesen gewagten Anspruch in einer Heimproduktion realisiert haben, die willentlich den Zufall umarmt. Zu jedem Element findet sich ein Gegenpol in der Musik von Hot Chip: Innerhalb der Songs ist das der Kontrast der androgynen Vocals von Taylor und dem dunklen Timbre von Goddard, auf größerer Ebene entspricht dem der Zickzackkurs, den das Tracklisting darstellt: Nach sweetem Intro schneidet „Careful“ scharf durch den Hörer, gefolgt von „Boy From School“, einer unwpoperstehlichen Disco-Ballade, die zu den größten Popmomenten von Hot Chip zählt, woraufhin „Colours“ wieder sperrig rüberkommen darf, bevor mit „Over And Over“ der amtliche Hit gezündet wird.

Dennoch ist The Warning ein extrem eigenständig und trotz aller Winkelzüge seltsam geschlossen wirkendes Album: Zitatelectropophimmel statt Sampleorgienhölle. Die vibrierende Intensität, mit der Hot Chip ihre Einflüsse preisgeben, etwa ihre Anleihen bei Martin Gore in „No Fit State“, korrespondiert mit dem Bewusstsein, dass es hier um eine Schönheit geht, die auch schmerzhaft sein kann. Und wenn man von diesem Schmerz nicht sprechen kann, frei nach Wittgenstein somit schweigen sollte, dann kann dafür ein anderer diesen Schmerz womöglich aufzeichnen und damit produktiv werden: „Hot Chip will break your legs, snap off your head“. Hit also.